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Kulturgüter oder Liegewiesen : Wie die Pariser ihre Parks kaputtmachen

  • -Aktualisiert am

„Betreten verboten“ ist passé: Wie im Jardin de Montsouris tummeln sich die Massen auch in kleinen, besonders schützenswerten Parks. Bild: AFP

In der französischen Hauptstadt verkommt das Erbe des genialen Garten-Ingenieurs Alphonse Alphand. Die Menschen legen sich einfach auf die Wiesen und hangeln an den Bäumen.

          6 Min.

          In Frankreich wurden gewisse Biotope lange gut geschützt: Omas und Opas „öffentliche Grünanlagen“ - die mit den niedrigen Stangen zwischen Wegen und Wiesen, auf denen Kinder zwischen Erlaubtem (Solidem) und Untersagtem (Schutzbedürftigem) balancieren konnten. Das Flair dieser hauptstädtischen Gärten, Parks und Squares, Drehorte international beachteter Filme, hat etwas Legendäres. Üppig blühend die Beete, englisch und untersagt der Rasen, nicht zu übersehen die „Fußangeln“, grünlackiert die hölzernen Bänke und metallenen Stühle. Auf derlei Sitzgelegenheiten: Lesende, Schwatzende, Verliebte, selbst Revoluzzer.

          Ganzen Generationen kam ein Schritt in die falsche Richtung kaum in den Sinn, jener veritable Fauxpas, der uniformierte Parkwächter jeden Delinquenten ohrenbetäubend zurücktrillerpfeifen ließ. In Paris schien die Zeit stillgestanden zu haben, doch machte derlei Diktat allenfalls der Spezies Jungtourist zu schaffen. Hatten sie doch, den Werbeslogan „Liberté, toujours“ im Kopf, in Paris Freiheit zu finden geglaubt, nicht ahnend, dass sie schon weit vor Sonnenuntergang mit gellender Glocke, schriller Trillerpfeife sowie machtvollem Geschrei zum Verlassen des Parks aufgefordert würden und sich hinter ihnen das Gitter schließt.

          „Il est interdit d’interdire, Monsieur!“

          Derlei Zuständen hat die Stadtverwaltung mittlerweile ein Ende bereitet, offenbar weil der Menschheit, die so lange drangsaliert wurde, fortan Verantwortungsbewusstsein und Gemeinsinn zugetraut wird. Zwar erstreckt sich das Vertrauen noch nicht auf die Nächte – viele Parks sind dann weiterhin geschlossen –, doch tagsüber werden Aufsichten nicht mehr gesehen. Die Gärtner haben das regelmäßige Jäten, Harken und Stutzen offenbar durch gelegentliche Sisyphusarbeit in Form von Neupflanzungen ersetzen müssen. An den Eingängen prangt weiterhin eine ellenlange, restriktive Parkordnung (Ausgabe Dezember 2018), „de jure“, denn „de facto“ ist sie Makulatur geworden. Dabei kam Paris, eine der dichtbesiedeltsten Städte Europas, ohne „Réglementation“ und vor allem Kontrolle bisher nicht aus.

          Leibesübungen unter Anleitung im Bois de Boulogne
          Leibesübungen unter Anleitung im Bois de Boulogne : Bild: AP

          Besonders die Pariser Squares sind Tropfen auf heißen Steinen und überschaubar nach Anzahl und Fläche, mehr Amuse-Gueule als Vorspeise. Satt wird man nicht. Ein solches Appetithäppchen ersann der Ingenieur Alphonse Alphand (1817 bis 1891) für das Städtchen Batignolles, nachdem es 1860 eingemeindet und Teil des neuen Pariser 17. Arrondissements wurde. Alphand, im Zweiten Kaiserreich eine Art Fürst Pückler Frankreichs, gilt als Vater der Pariser Parks. Unter seiner Ägide nahmen Bois de Boulogne, Bois de Vincennes, Parc Montsouris und Parc des Buttes-Chaumont Gestalt an. Für den Stadtteil Batignolles schuf Alphand 1862/63 auf einer Fläche von nur gut anderthalb Hektar eine pittoreske Komposition im Stil des englischen Landschaftsgartens. Im „Grand Dictionnaire universel du XIXe siècle“, der zeitgenössischen Enzyklopädie von Pierre Larousse, wird die sinnliche Miniatur, zu der Grotte, Kaskade, Bach und Weiher gehören, als schönster Pariser Square hervorgehoben.

          1893 misst man der Anlage „unbestrittenen künstlerischen Wert“ bei. Dies war und blieb stets Verpflichtung – bis vor kurzem. Heute lässt sich hier wie unter einem Brennglas studieren, was für nahezu ganz Paris gilt, bis hin zur großen Wiese „Plaine de Jeux de Bagatelle“ an der Seine bei Neuilly: Kulturerbe verkommt. Weitgehende Ausnahme ist der dem Senat der Republik unterstellte Jardin du Luxembourg.

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