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Wie die Finanzkrise das Denken ändert : Was wird morgen sein?

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Die Finanzkrise fegt bisherige Glaubenssätze der Marktmetaphysik beiseite. Bild: picture-alliance/ dpa

Die Bankenkrise hat die Gewissheiten, auf denen wir unsere Lebensentscheidungen trafen, grundlegend verändert. Die Krise verändert nicht nur die Welt, sie verändert auch das Denken. Ein Kommentar von Frank Schirrmacher.

          Wer werden wir geworden sein, wenn das vorbei ist? Warum haben – um die Frage Leopold von Rankes zu stellen – Gesellschaften und Institutionen den Ruin vor Augen und gehen doch hinein? Das ist die Frage, mit der sich das amerikanische Repräsentantenhaus Anfang der Woche in seiner Anhörung zum Bankrott von Lehman Brothers befasste. Wie konnten die Manager der Bank noch so tun, als sei nichts, obwohl ihnen seit Monaten bekannt war, dass ihr Geschäftsmodell in die Luft fliegen würde? Die Antwort lautet: Lehman dachte, dass ein Zusammenbruch alle anderen auch treffen und sich auf sehr viele Leute verteilen werde; folglich werde der Staat einschreiten müssen.

          Uns wird gerade beigebracht, dieses Verhalten „Gier“ zu nennen. Doch für die akute Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung ist „Gier“ die harmloseste aller Erklärungen. Vielleicht wird sie deshalb so gerne gegeben. In den letzten zwei Wochen wurde in mehr als dreitausend Artikeln gegen die alte Todsünde gepredigt; mittlerweile ist man, wie die Schlagzeile einer Wirtschaftszeitung lautete, bei der „Gier der kleinen Leute“ angekommen. Gier ist schlecht, aber menschlich. So gesehen, wäre die gegenwärtige Krise nichts als ein Routinetermin im permanenten Strafgericht Gottes über die Menschen.

          Misstrauen in die bisherige Vernunft

          Gesellschaften wurden zivilisiert, um genau das zu verhindern, was nun möglich scheint: dass sie durch rücksichtsloses Handeln Einzelner zerstört werden. Wenn dieser Schutz nicht mehr garantiert ist, beginnt das große Zweifeln an der Gesellschaft und an der Tragfähigkeit ihrer bisherigen Vernunft. Das ist die gegenwärtige Lage der Politik. Aber weil Millionen Deutsche während des letzten Jahrzehnts gedrängt wurden, ihr Leben neoliberal umzustellen, den Finanzmärkten zu trauen und dem Staat zu misstrauen, ist es auch die Lage jedes Einzelnen. Er muss einsehen, dass die Vernünftigkeit seiner wichtigsten Lebensentscheidungen auf einem rein spekulativen System basierte.

          Welche Gründe hat es, dass wir in einer Gesellschaft leben, die im Begriff ist, nach ihren natürlichen Lebensräumen nun auch ihre soziale Umwelt, die Lebenszeit einer ganzen Generation, sehenden Auges zu ruinieren? Jared Diamond hat in seinem Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ die Ursachen genannt, die Eliten überhaupt die Chance geben, ihre Gesellschaften zu zerstören. „Sie fühlen sich sicher, weil sie sehr konzentriert und in überschaubarer Zahl auftreten. Sie sind durch die Aussicht auf schnelle, sichere Profite hoch motiviert, während sich die Verluste stets auf eine sehr große Zahl von Individuen verteilen.“

          Die Isolierung der Eliten

          Das ist exakt das Kalkül, das der Kongressausschuss bei Lehman Brothers vorfand. In der mittleren Verlustzone, so Diamond, verzichtet der Einzelne auf juristische Aktionen, weil er angesichts der Masse an Betroffenen gar keine Chance auf Entschädigung sieht. In der großen Verlustzone trifft es dann alle, aber nun ist der ohnehin schon geschädigte Staat praktisch gezwungen, systemstabilisierend tätig zu werden, auch wenn es ihn selbst an den Rand des Abgrunds führt.

          Nach Diamond steigt die Bereitschaft handelnder Eliten, eine Gesellschaft zu ruinieren, proportional mit ihrer Möglichkeit, sich von der Gesamtgesellschaft ökonomisch zu isolieren. Je mehr ihnen diese Isolierung gelingt, desto weniger werden sie von den Folgen für alle betroffen sein.

          Bankrott der Metaphysik des Marktes

          Wer meint, dass die aktuelle Vernichtung der Grundvertrauens in die Rationalität ökonomischen Handelns ohne Folgen bleibt, wird sich spätestens bei den nächsten Wahlen getäuscht sehen. Über Nacht ist die Welt des Geldes fiktionalisiert worden. Die Flucht in die Verstaatlichung, die von den Banken selbst angeführt wird, ist der Bankrott der Metaphysik des Marktes. Jetzt, da völlige Unklarheit darüber herrscht, was ist und was nicht ist, kann nur der Staat noch dezionistisch verfügen, dass etwas und nicht vielmehr nichts existiert. Wenn je, dann gilt heute der Satz von Friedrich Engels: „Das Wesen des Staates ist die Angst der Menschheit vor sich selbst.“

          Die Bundeskanzlerin hatte recht, als sie in ihrer Regierungserklärung von einer Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung sprach. Von den Bankuntergängen in der Wall Street geht eine Kettenreaktion aus, vergleichbar mit der epochalen Wirkung, die das Erdbeben von Lissabon im achtzehnten Jahrhundert auf die Köpfe der Aufklärung ausübte. Damals lautete die Frage, wie ein gütiger Gott eine solche Katastrophe hatte zulassen können. Die Folgen waren Zweifel an der Tragfähigkeit seiner Welt und ein Selbstaufklärungsprozess, der im europäischen Gedankengebäude fast keinen Stein auf dem anderen ließ.

          Wie konnte zugelassen werden, was gerade geschieht? Will man die Antwort darauf nicht einer linken Demagogie überlassen, muss man über die Spaltung unserer Gesellschaft in diejenigen reden, die Konsequenzen erleiden, und diejenigen, die von ihnen verschont werden oder gar profitieren. Die bürgerliche Welt hat schon mehrfach bewiesen, dass sie aus paradigmatischen Katastrophen lernen kann. Jetzt, im neuesten weltbürgerkriegsähnlichen Zustand, muss sie die härteste Auseinandersetzung mit sich selbst führen. Die Krise verändert nicht nur die Welt. Sie verändert das Denken.

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