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Flussporträt der Erft : Die Unscheinbare

  • -Aktualisiert am

Erftmündung am Rhein in Neuss Bild: Insa Hagemann

Kaum jemand kannte die Erft, bis sie bei der Flut im Juli eine Geschichte der Zerstörung schrieb. Eine Reise entlang des Flusses und der Beziehungsgeschichte von Mensch, Wasser und Natur.

          7 Min.

          Dass neben dem Spielplatz von Holzmülheim die Erft beginnt, liegt daran, dass vor Millionen Jahren im Berg eine Tonschicht aufbrach. Der Ton liegt dort wie ein Deckel über dem Kalkgestein, das aus der Zeit stammt, als die Eifel ein Meer war, mit Korallenriffen aus Kalk. Irgendwann entstand eine Öffnung im Ton, durch die fand, wiederum viel später, in den Berg gesickertes Regenwasser den Weg nach draußen. Es strömte durch die Öffnung und Richtung Tal. Ein Fluss entstand.

          Petra Ahne
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Erft ist einer der unscheinbareren deutschen Flüsse: auf der Deutschland-Karte ein zarter blauer Strich, der eine Weile neben dem fingerdicken Rhein herläuft und südlich von Düsseldorf in ihn mündet. In Holzmülheim interessieren sich für die in Stein gefasste Quelle vor allem Radler, die den Erft-Radweg abfahren.

          Es gibt ein Restaurant namens „Erftquelle“, dort trifft man Yasin Yildiz. Er sagt, dass der Fluss, der hier noch ein Bach ist, immer unauffällig gewesen sei in den 47 Jahren, die er in der Gegend lebt. Fast konnte man ihn vergessen. Deswegen kann Yasin Yildiz noch immer nicht fassen, was am 14. Juli passiert ist. Von überallher schien plötzlich Wasser zu kommen. Es prasselte vom Himmel, es schoss aus der Quelle, es schwoll zum Strom an, der die Wiese mit dem Spielplatz unter Wasser setzte und die Häuser im unteren Ortsteil auch.

          Die Erft und die Flut

          Als Yasin Yildiz vom zerstörten Bad Münstereifel hörte, von dem Erdrutsch in Erftstadt, von den Toten und Vermissten, beschlossen er und seine Familie zu helfen. Sie kochten in ihrem Restaurant nicht mehr für Gäste, sondern für Helfer und Opfer der Flut. Das sprach sich herum, immer mehr Nahrungsmittel wurden gespendet, immer mehr Freiwillige machten mit. Von der Quelle der Erft, die plötzlich zu einer Quelle des Unheils geworden war, lieferten sie vier Wochen lang über tausend Portionen Essen am Tag aus.

          Die Erft kennt jetzt fast jeder in Deutschland. Ihr Name wird mit der Flut verbunden bleiben – und vielleicht mit dem Moment, an dem die Menschen in Deutschland begriffen, was die Klimaerwärmung bedeutet. Die Forschergruppe World Weather Attribution, die untersucht, inwieweit Hitze, Stürme oder Starkregen mit dem Klimawandel zusammenhängen, hat sich die Ereignisse an Erft und Ahr vorgenommen und festgestellt: Der menschengemachte Temperaturanstieg hat die Wahrscheinlichkeit solch extremer Regenfälle um das bis zu Neunfache erhöht. Das heißt auch: Flüsse, Teil des Wasserkreislaufs der Erde, werden in Zukunft öfter daran erinnern, dass sie ein Stück Natur sind – etwas, das der Mensch die längste Zeit vergessen machen wollte. Sein Verhältnis zu Flüssen bestand über Jahrhunderte darin, sie nutzbar zu machen.

          An den Ufern der Erft entstanden Schlösser, Mühlen und Kraftwerke. Sie wurde verlegt, breiter gemacht, gerade gezogen, und nun wird all das rückgängig gemacht, sie wird renaturiert. Mit ihren 107 Kilometern Länge ist sie kurz, der Rhein ist 1230 Kilometer lang, die Donau 2850. Doch eine Reise entlang der Erft ist eine Reise durch die ganze Beziehung von Mensch und Fluss.

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