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Gina Thomas (G.T.)

Käfer und bizarre Metaphern : Träume in Zeiten von Corona

  • -Aktualisiert am

Ein kleines bisschen Horrorshow: Wie ein Bild gewordener Albtraum aussehen kann, zeigt Johann Heinrich Füssli auf seinem Gemälde „Der Nachtmahr“ von 1810/20. Bild: Picture-Alliance

Das große Krabbeln: Forscher untersuchen gegenwärtig, ob wir in Zeiten der Pandemie schlechter träumen und was uns nachts beschäftigt. Die Ergebnisse sind eindeutig – und nichts für Menschen mit Insektenphobie.

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          Wenn Hamlet den Selbstmord erwägt, schreckt ihn der Gedanke ab, dass die Albträume ihn in den Tod verfolgen könnten. „Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, / Wenn der Drang des Ird‘schen abgeschüttelt, / Das zwingt uns stillzustehn.“ Gegen die Macht der Träume kommt der Verstand nicht an. Gerade deswegen sprach Freud von der Traumdeutung als „Königsweg zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben“.

          Auf diesen Königsweg begeben sich zur Zeit mehrere Forschungsprojekte, die sich auf coronabedingte Traumphänomene einen Reim machen wollen. Wenn wir die Ängste unserer Wachwelt im Schlaf verarbeiten, verwundert es nicht, dass in dem realen Albtraum der Pandemie aus aller Welt eine erhöhte Traumaktivität gemeldet wird. Von der amerikanischen Psychologin Deirdre Barrett liegt dazu bereits ein Buch mit dem Titel „Pandemic Dreams“ vor. In Italien hat der Verband der Schlafmediziner ermittelt, dass die Albträume zahlreicher Teilnehmer einer Studie den Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen entsprechen.

          Verlangsamung der Routine

          In Finnland, wo 25 Prozent von viertausend Teilnehmern einer Studie berichteten, öfter Albträume zu haben als vor der Pandemie, analysieren Wissenschaftler den Inhalt von Träumen auf coronaspezifische Motive, wie Ängste über Verstöße gegen Abstandsregeln oder die Maskenpflicht, die über häufige Schreckvorstellungen wie das Nacktsein in einer Menge oder den Gedächtnisausfall bei einer Prüfung hinausgehen; und in London ruft eine Gruppe psychoanalytischer Theoretiker am University College die Öffentlichkeit auf, den Inhalt ihrer Lockdown-Träume mitzuteilen, damit analysiert werden kann, wie die kollektive Erfahrung der Pandemie Themen, Narrative und Symbole bestimmt.

          Scheinbar träumen wir nicht nur lebendiger, obwohl – oder gerade weil – der Alltag mit seinen Einschränkungen monotoner geworden ist, sondern wir vermögen unsere Träume präziser wiederzugeben. Sie verflüchtigen sich nicht mehr beim Aufwachen. Die Londoner Forscher mutmaßen, dass das stärkere Erinnerungs- und Beschreibungsvermögen mit der Verlangsamung der Routine zu tun haben könnte, die mehr Zeit zum Nachdenken lasse. Womöglich schaffe unser Hirn Ausgleich für verminderte Anregungen von außen.

          Unter der Fülle der internationalen Beobachtungen über das Träumen findet sich eine Kuriosität, die sich auf den englischen Sprachraum beschränken dürfte. Dem unbewussten Prozess entsprechend, wonach sich unsere Ängste oft in bizarren Metaphern niederschlagen, treten neuerdings „haufenweise“ Käfer in Träumen auf, berichtet Deidre Barrett. Sie führt dies auf den englischen Begriff „bug“ zurück, der zugleich Käfer und Bazillus bedeutet, aber auch darauf, dass die vielen kleinen Viecher, die kumulativ schaden oder töten können, eine treffende Metapher für Viruspartikel seien.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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