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75 Jahre Amerikanisierung : How deutsch are we?

„Gesundere, frohere, lässigere Männer als jene, die dann kapitulierten, müssen das gewesen sein – und wenn die Kinder von damals sich Jahrzehnte später zu erinnern versuchten, dann klangen ihre Erzählungen so, als wäre die amerikanische Armee nicht marschiert, sondern hätte Deutschland quasi im Tanz genommen“: Ein junger amerikanischer Soldat spielt mit deutschen Kindern und deren Hund. Bild: Picture-Alliance

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg – und die amerikanische Kultur hielt Einzug in Westdeutschland. Die Jugend war offen für die neue Lässigkeit.

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          Es ist im Mai vor fünfundsiebzig Jahren nicht nur etwas zu Ende gegangen – ein Jahrestag, der ja allseits zu Recht und mit dem entsprechenden Ernst begangen wird. Es hat auch etwas angefangen, eine Geschichte, die kompliziert und voller Widersprüche ist, eine Geschichte, die nachwirkt – nicht nur obwohl, sondern auch gerade weil sie sich vor allem im Westen und im Süden Deutschlands zugetragen hat.

          Der fast schon mythische Anfang der Geschichte erzählt davon, dass es die Kinder und die Jugendlichen waren, die geistig, seelisch, kulturell und aus voller Überzeugung überliefen, kaum dass die ersten amerikanischen Soldaten in ihre Ortschaften einmarschierten. Gesundere, frohere, lässigere Männer als jene, die dann kapitulierten, müssen das gewesen sein – und wenn die Kinder von damals sich Jahrzehnte später zu erinnern versuchten, dann klangen ihre Erzählungen so, als wäre die amerikanische Armee nicht marschiert, sondern hätte Deutschland quasi im Tanz genommen, im Rhythmus von Glenn Miller und Benny Goodman.

          „Jetzt ist unser Gesang der Jazz“

          Vor fünfundsiebzig Jahren begann die Amerikanisierung der Deutschen – und warum das vor allem eine Sache der Jungen war, kann man, im Umkehrschluss gewissermaßen, in Harald Jähners „Wolfszeit“ nachlesen, dieser klugen Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit. Die Erwachsenen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit dem Überleben vor allem und dann mit dem Vergessen und Verdrängen, was ja vermutlich genauso schwer wie das

          Sicherinnern und Gedenken geht. Aber selbst der Dichter Wolfgang Borchert, so zitiert ihn Jähner, der Mann also, der Zentnerlasten von Erinnerung nicht loswurde, obwohl er es doch versuchte, notierte damals: „Jetzt ist unser Gesang der Jazz. Der erregte hektische Jazz ist unsere Musik. Und das heiße verrückttolle Lied, durch das das Schlagzeug hinhetzt, katzig, kratzend.“

          Wenn die Amerikanisierung eine Kolonisierung war, dann war es eine, welcher die Jungen, von denen ja sonst der Widerstand ausgeht, nichts entgegensetzen wollten. Zwar machten die Fraternisierungsverbote der ersten Nachkriegsjahre die Deutschen zu den Subalternen, von denen in den neueren postkolonialen Studien so oft die Rede ist. Aber sehr lange hielt das nicht.

          Mit dem Rock’n’Roll wurde es noch viel heftiger

          Der französische Historiker Paul Veyne hat in seiner Geschichte des frühen Christentums den Sieg der neuen Religion über die alte unter anderem damit begründet, dass für ein Bauernmädchen zum Beispiel in der Provence die Jungfrau Maria einfach eine sympathischere und viel verständlichere Figur gewesen sei, als es Juno oder Diana jemals waren. Und wenn man sich die deutschen Filme der fünfziger Jahre anschaut mit ihren verklemmten und verspannten Helden, die schon deshalb keine Tiefe haben durften, weil über die Vergangenheit geschwiegen werden musste: Dann versteht man heute erst recht, warum sich die deutsche Jugend geistig und kulturell unbedingt von Robert Mitchum oder Rita Hayworth, von John Wayne oder Maureen O’Hara adoptieren lassen wollte. So hätten die deutschen Vorgeschichten in der amerikanischen Imagination und nicht mehr in der verdammten deutschen Wirklichkeit gespielt.

          In den frühen Achtzigern, wenn die Erinnerung nicht trügt (die entsprechenden Manuskripte sind nicht mehr aufzufinden), kursierte unter uns Studenten ein Aufsatz, der nachzuweisen versuchte, dass in der Nachkriegszeit die deutschen Männer ihre Stimmen eine Lage tiefergelegt hätten, vom Tenor zum Bariton, weil das eher der amerikanischen Männlichkeitsnorm entsprach. Sicher ist jedenfalls, dass die Amerikanisierung nicht nur die Köpfe, sondern den ganzen Körper erfasste. So ging es, wie Borchert oben schreibt, mit dem Jazz; und mit dem Rock’n’Roll wurde es noch viel heftiger.

          Vor knapp 2000 Jahren wurden der Westen und der Süden Deutschlands von den Römern kolonialisiert; die Grenzen sieht man heute noch. Kein Wunder also, dass der amerikanisierte Westen und der Osten noch immer ihre Verständigungsprobleme haben.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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