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„Verkehrswende“ in Berlin : Spur der Steine

  • -Aktualisiert am

Grüne Punkte auf der Bergmannstraße in Berlin Kreuzberg - hübsch wirkungslos. Bild: Imago

Mit grünen Punkten und Felsbrocken auf der Straße wollte Berlin den Verkehr beruhigen. Das blieb aber völlig wirkungslos. Wer kommt bloß auf sowas?

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          Der Berliner Kreuzberg ist kein richtiger Berg, jedenfalls nicht, wenn man damit das meint, was in Bayern so herumsteht. Er ist eher ein Hügel. Das Viertel darunter heißt auch Kreuzberg. Auf dem Kreuzberg gibt es einen Wasserfall, der dem Zackelfall im Riesengebirge nachgebildet ist. Was es, anders als im Riesengebirge, auf dem Kreuzberg nicht gibt, sind Geröllabgänge: Noch nie fielen Felsbrocken von der Größe eines Sofas vom Kreuzberg in die Straßen von Kreuzberg hinein; entsprechend verblüfft waren die Kreuzberger, als an der Bergmannstraße plötzlich lauter solche Gesteinsbrocken herumlagen. Die Findlinge waren vom Bezirk abgelegt worden, um Autos, insbesondere Falschparker, fernzuhalten. Berlin will eine Verkehrswende.

          Wie so etwas gehen kann, zeigt Kopenhagen: Dort hat man ganze Straßenzüge in reine Fahrradstraßen umgewandelt, die Autos und der Lieferverkehr kommen von hinten an die Häuser. Das funktioniert ganz gut, weil man Fortbewegungsmittel, die einander in die Quere kommen können, säuberlich voneinander trennt. In Berlin gibt es Pläne, genau das Gegenteil zu tun und Straßen in „Shared Spaces“ zu verwandeln, in „Begegnungszonen“, in denen es keine Bürgersteige und Radwege und Fahrbahnen mehr gibt, sondern einen Raum, den sich „alle teilen“ und der, so der Bezirk, das „verträgliche Miteinander aller im Straßenverkehr“ fördert. Der Fünfjährige auf seinem Roller muss dann mit dem Fahrradkurier und dem Lastwagenfahrer „verhandeln“, wer wo fährt. Wer schon einmal Fünfjährigen, Fahrradkurieren oder Lastwagenfahrern begegnet ist, ahnt, dass diese Verhandlungen nicht einfach werden.

          In der Berliner Bergmannstraße zeigt sich währenddessen, wie die Zukunft des städtischen Raums aussehen wird, wenn man seine Gestaltung an ausgabefreudige Surrealisten delegiert. Die verkehrsberuhigte Zone wurde markiert mit Hunderten von giftgrünen Punkten, die die Straße wie den Boden einer Diskothek aussehen lassen und zu schnelle Autofahrer verwirren sollen, dazu wurden auf früheren Parkplätzen „Parklets“ errichtet, Holzplateaus mit Sitzecken und orangen Stahlkisten, in denen undefinierbare Gräser wachsen. Dort zusammensitzen und sich sonnen, wo früher Autos parkten, klingt gut. Nur: In Italien hätte man einfach im Sommer ein paar Stühle auf die Straße gestellt, in Frankreich, wie bei „Paris Plage“ üblich, ein paar Ladungen Sand auf die Fahrbahn geschüttet, die Polizei hätte mit Halteverbotsschildern für besiedelbare Parkflächen sorgen können – aber solche Improvisationen gehen deutschen Planern nicht weit genug.

          Man wollte es massiv: Mehr als anderthalb Millionen Euro wurden für grüne Punkte, Felsen und fünfzehn festungsartige „Aufenthaltsmodule“ ausgegeben. Im November sollen sie wegen Misserfolgs wieder abgebaut werden. Auch die Findlinge wurden schnell wieder abtransportiert – offiziell wegen der Fertigstellung der Baustelle, aus der sie Falschparker heraushalten sollten. Ein anderer Grund könnte sein, dass sich nachts Fahrrad- und Elektrorollerfahrer beim Dagegenfahren eine blutige Nase holten und die Felsbrocken so nicht den alten Autoverkehr, sondern die neue E-Mobilität recht rabiat zum Erliegen brachten. Nur SUV-Fahrer, die die Stadt eh als gefährliche Wildnis betrachten, fürchteten die Felsen nicht. „Die Findlinge werden nun zur Sanierung des Wasserlaufs im Viktoriapark eingesetzt“, erklärt das Bezirksamt schmallippig. So kommt wenigstens der Felsen noch dahin, wo er sich gern aufhält.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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