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Streit über Franco-Mahnmal : Die heiße Asche des Diktators

Es ist der einzige sublime Augenblick des Morgens, eine geglückte Inszenierung, ein Moment für kurzes Erschauern vor dem Griff der göttlichen Hand ins Rad der Geschichte, wenn man denn an dergleichen glauben will. Und spätestens jetzt wird jedem wahrhaft Gläubigen wieder bewusst, wer hinter diesem Altar unter der Grabplatte liegt und wem der ganze Zauber überhaupt gilt: Francisco Franco, der „Generalísimo“, der Retter Spaniens vor dem Kommunismus. Davor wiederum, um die symbolische Vater-Sohn-Beziehung vollständig zu machen: José Antonio Primo de Rivera, Sohn eines Diktators aus den zwanziger Jahren und charismatischer Begründer der faschistischen „Falange“. Franco dachte nicht daran, den 1936 vom Feind gefangen genommenen José Antonio einzutauschen, wartete ab, bis die Republikaner ihn erschossen hatten, und schuf so einen Märtyrer, der ihm nicht mehr in die Quere kommen konnte. Heute gehören die beiden zusammen, nützliche Nachbarn, Zeugen ein und desselben Geistes. Die Benediktiner versorgen die Gräber der beiden Männer täglich mit frischen Blumen. Gläubige treten vor die Platten am Boden, verharren stumm, verneigen und bekreuzigen sich.

Eine andere Arbeitsgruppe projiziert sich ins Jahr 2068

Der Soziologe Francisco Ferrándiz, Mitglied einer Expertenkommission des Jahres 2011 zum „Tal der Gefallenen“ und unser Tourguide für den Tag, nennt das Monument „totalitär“ und „Stein gewordenen Nationalkatholizismus“ und als solches unrettbar. Zerstören solle man es aber auch nicht, vielmehr „seinen Niedergang begleiten“ durch die Schaffung digitaler Gegenbilder. „Die Pixel“, sagt Ferrándiz, „könnten den Stein zersetzen.“

Der Workshop am Tag darauf bringt lohnende Ideen hervor. Eine Gruppe befasst sich mit der räumlichen Erfassung des Monuments und seiner Umgebung in der malerischen Bergwelt der Sierra Guadarrama, studiert Karten und Höhenangaben. Unterirdische Wasserläufe umspülen die mitten in den Berg gesetzte Basilika bereits, aus den Decken tropft es in Eimer, die kein Notbehelf mehr sind, sondern Normalität; irgendwann, man ahnt es, werden der Stein, das Wasser und das rauhe Außenklima ihre Abbrucharbeit selbst an dieser Einschüchterungsarchitektur vollendet haben. Eine andere Arbeitsgruppe projiziert sich ins Jahr 2068 und denkt über die mögliche Nutzung des Ortes in fünfzig Jahren nach: als Forschungsstätte, als Eventschauplatz und globales Friedenszentrum.

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In einem sind alle derselben Meinung: dass die Kirche, als Handlangerin der Diktatur desavouiert, an diesem Ort keinen Platz mehr hat. Da meldet sich eine Teilnehmerin und bemerkt, gegen die Kirche lasse sich ganz sicher keine Veränderung durchsetzen; ob man es nicht mit ihr probieren solle? Etwa, indem man die Gläubigen selbst gewinnt? Doch schwierig wird es so oder so. Denn die zentrale Rechtfertigung der Franco-Apologeten, das „Tal der Gefallenen“ sei ein Monument nationaler Versöhnung, ist nicht nur falsch, sie wird auch von keinem Vertreter der Opferverbände akzeptiert. Nicht nur, weil Franco die Anlage am 1. April 1959 einweihte, genau zwanzig Jahre nach dem „Tag des Sieges“ 1939. Sondern auch, weil Toten der republikanischen Gegenseite verspätet, eher als Alibi, dazugepackt wurden, ohne Namen, ohne Identität – eine Verhöhnung der linken Zwangsarbeiter, die den monströsen Gedenkort erbauen halfen.

Der Konflikt um das „Tal der Gefallenen“ ist, leider, keine nostalgische Veranstaltung, kein Kampf um verlorene Posten. Verhandelt werden darin Haltungen zur Gegenwart der spanischen Demokratie. Insofern muss man den Streit als Aussage über die Bindekraft liberaler Werte verstehen. Nur deshalb ist einem bei diesem Befund etwas unheimlich: Auch im fünften Jahrzehnt nach seinem Ableben ist die Aura des Diktators noch zu spüren.

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