https://www.faz.net/-gqz-8ypr4

Kommentar : Wenn ein erfolgreicher Verlag Hilfe braucht

Bücher der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, erschienen im Dörlemann Verlag Bild: Fabian Fiechter

Um 60.000 Franken musste der Schweizer Dörlemann Verlag per Crowdfunding bitten. Das klappte viel besser als erwartet – aber wie konnte es zu dieser Not überhaupt kommen?

          Zu den schönsten und erfolgreichsten Büchern, die in den letzten Jahren im Schweizer Dörlemann Verlag erschienen sind, gehört David Garnetts kleiner Roman „Dame zu Fuchs“. Der exzentrische Autor, der zum Bloomsbury-Kreis um Vanessa Bell und Virginia Woolf zählte, erzählt darin die Geschichte einer jungen Frau, die sich während eines Spaziergangs unversehens und irreversibel in eine Füchsin verwandelt, was ihren Gemahl zwar irritiert, jedoch nicht davon abbringen kann, in guten wie in tierischen Zeiten zu ihr zu halten. Und weil Metamorphosen in der literarischen Welt spätestens seit Ovid Konjunktur haben, macht man bei Dörlemann gleich mit der nächsten wundersamen Verwandlung weiter: „Hummel zu Goldhamster“ heißt die Geschichte, die sich in diesen Tagen zuträgt.

          Sie handelt von einem Verlag, der in wirtschaftliche Not gerät, schnell und dringend 60.000 Franken braucht und sich die Summe per Crowdfunding im Internet besorgen will. Zum Wappentier der auf dreißig Tage begrenzten Kampagne wird die kleine, dicke Hummel auserkoren. Motto: „Und sie fliegt doch.“ Nach nunmehr 26 Tagen haben 170 spendable Leser mehr als 70.000 Franken überwiesen und dem Verlag wieder ein wenig Luft unter den Flügeln verschafft. Im Gegenzug erhalten sie dafür eine Dankesgabe, gestaffelt nach der Höhe ihrer Spende. Bei sechzig Franken geht es los. Wer zehntausend Franken gibt, erhält zehn Jahre lang alle Neuerscheinungen des Verlags und wird in den nächsten zehn Dörlemann-Titeln namentlich genannt (bislang ein Spender).

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Aber warum muss ein kleiner, feiner Zürcher Verlag zu einem solchen Mittel greifen? Dörlemann hat mit Iwan Bunin und Alice Munro zwei Nobelpreisträger im Programm, gilt dank Autoren wie David Garnett und Patrick Leigh Fermor als gute Adresse für interessante Wiederentdeckungen und ist überdies der zurzeit wohl wichtigste Verlag für junge Schweizer Literatur. Außerdem nimmt man die schön und aufwendig gestalteten Bände gerne in die Hand. Woran hapert es also?

          Schuld ist vor allem der starke Franken, der den Gewinn auf dem deutschen Markt schmelzen lässt. Etwa zwanzig Prozent hat die Schweizer Währung zugelegt, seitdem die Nationalbank vor gut zwei Jahren den Euromindestkurs aufgehoben hat. Das Dörlemann-Team zählt gerade einmal vier Köpfe. Da kann man nicht viel abspecken. Große Sprünge werden sich auch nach dem Ende der Sammelaktion nicht machen lassen. Eine Hummel ist schließlich kein Känguru. David Garnett, der sich auch als Kritiker und Verleger betätigte, betrieb einige Jahre lang eine Buchhandlung, die zu einem Treffpunkt der „Bloomsberries“ wurde. Sie sollen zeitweise seine einzigen Kunden gewesen sein. Treue Leser sind viel wert.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Rammstein würdigt Kraftwerk

          Video an Hauswand gestreamt : Rammstein würdigt Kraftwerk

          Es ist ihr zweiter spektakulärer Coup in gut einem Monat: Rammstein hat die zweite Single aus ihrem neuen Album präsentiert. Auf einer Berliner Straßenkreuzung ließ die Band das Video „Radio“ auf eine Hauswand streamen – rund 1000 Fans waren begeistert.

          Niemals geht man so ganz Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Avengers: Endgame“ : Niemals geht man so ganz

          Nach 11 Jahren und 22 Filmen findet das Marvel Cinematic Universe vorerst sein Ende. In „Avengers: Endgame“ gibt sich die Superhelden-Riege ein letztes Mal die Klinke in die Hand. Dietmar Dath hat den Film bereits gesehen.

          Mut zu hoffnungsloser Vereinzelung

          Musik von Christfried Schmidt : Mut zu hoffnungsloser Vereinzelung

          Später Triumph: Nach fast fünfzig Jahren des Wartens erlebt der greise Komponist Christfried Schmidt in Berlin die Uraufführung seiner Markuspassion. Das Publikum ist erschüttert und begeistert von einem Stück unbeugsamer Musik.

          Topmeldungen

          Gibt es eine „verlorenen Mitte“? Rechtspopulistische und antidemokratische Einstellungen sind in der deutschen Bevölkerung einer aktuellen Studie zufolge
weiter tief verwurzelt.

          Studie zu Vorbehalten gegen Asylbewerber : Wo der Daumen links ist

          Die Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus kann nicht groß genug sein. Doch es ist ein Ärgernis, dass Studien dazu missbraucht werden, die Gefährdung der Mitte einseitig darzustellen.
          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Pressekonferenz im Elysée-Palast

          FAZ Plus Artikel: Macron schließt Elitehochschule : Das Ende der Enarchie

          Die Elitehochschule Ena gilt vielen Franzosen als Brutstätte einer abgehobenen politischen Führungsschicht. Präsident Macron will die staatliche Verwaltungshochschule jetzt abschaffen. Das ist ein Paukenschlag – und wird doch nichts an den Gründen für den Zorn der Bürger ändern.

          Video an Hauswand gestreamt : Rammstein würdigt Kraftwerk

          Es ist ihr zweiter spektakulärer Coup in gut einem Monat: Rammstein hat die zweite Single aus ihrem neuen Album präsentiert. Auf einer Berliner Straßenkreuzung ließ die Band das Video „Radio“ auf eine Hauswand streamen – rund 1000 Fans waren begeistert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.