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Lockdown und Shutdown : Wie der Bauer Verlag Neuseeland in eine Medienkrise stürzt

  • -Aktualisiert am

Hier hat man kein Geschäftsinteresse mehr für Neuseeland: der Haupteingang der Firmenzentrale des Bauer Verlags in Hamburg. Bild: ddp

Alarmierendes Ende einer Fernbeziehung: Dass der Zeitschriftenverlag seinen entlegensten Standort geschlossen hat, hat nun auch Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan gerufen.

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          Es war kein Aprilscherz. Zwei Tage nachdem die Bauer-Media-Manager Heribert Bertram und Andreas Schilling verkündeten, dass ihr Umsatz in Deutschland trotz Corona-Krise weiterhin floriert, beschloss der Zeitschriftenverlag in der vergangenen Woche überraschend, seinen entlegensten Standort zu schließen. Damit wurde Neuseeland über Nacht in eine Medienkrise gestürzt, die Premierministerin Jacinda Ardern auf den Plan rief.

          In der Woche zuvor war für mindestens vier Wochen der landesweite Lockdown verhängt wurden. Den Restriktionen zufolge gelten Zeitschriften nicht als „essentielle Waren“, die im Supermarkt verkauft oder per Post verschickt werden dürfen. Die fehlenden Einkünfte ließen dem Verlag nach eigener Darstellung keine andere Wahl, solange die Corona-Einschränkungen bestehen. „Selbst wenn sie irgendwann in Zukunft aufgehoben werden, macht das keinen Unterschied für die wirtschaftliche Rentabilität des Geschäfts“, so Bauer in einer Stellungnahme.

          Dass sich die Deutschen aus Neuseeland zurückziehen wollten, war lange bekannt. Doch der Exitus innerhalb von Stunden überrumpelte die Mitarbeiter völlig. In einem letzten Versuch wurde Bauer Media in Auckland der Regierung zuvor noch für einen Dollar zum Verkauf angeboten, was dem Verlag ausstehende Gehälter und Abfindungen erspart hätte.

          „Erschüttert“ über die mediale Apokalypse

          Durch die Schließung stehen nicht nur 237 Angestellte auf der Straße. Neben Frauen-, Reportage-, Wohn- und Klatschzeitschriften fehlt auch das einzige wöchentliche Nachrichtenmagazin, der seit 1939 erscheinende traditionsreiche „Listener“. „Es ist unglaublich, dass diese kulturelle Stimme nun womöglich verlorengeht“, sagt Finlay Macdonald, früherer Chefredakteur des „Listeners“. Er wirft dem Bauer Verlag vor, die Corona-Krise genutzt zu haben, „um Dinge zu tun, die sie schon lange tun wollten, aber nicht konnten oder nicht so radikal hätten tun können. Wie kann es sein, dass eine ausländische Firma fast alle Zeitschriften in einem Land besitzt?“ Bauer übernahm 2012 für 500 Millionen australische Dollar die „Australian Consolidated Press“ mitsamt deren neuseeländischem Kontingent. Während Bauer Media jetzt in Auckland die Tore schloss, bekam der Konzern in Australien grünes Licht, um für vierzig Million Dollar seinen Konkurrenten Pacific Magazines aufzukaufen. Dieser Deal stieß Neuseelands Journalisten zusätzlich vor den Kopf.

          Premierministerin Ardern zeigte sich „erschüttert“ über die mediale Apokalypse. In einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag warf sie dem Bauer Verlag vor, die staatliche Unterstützung ausgeschlagen zu haben, die auch andere Firmen während des Lockdowns in Anspruch nehmen können, um sich über die Krise zu retten. „Sie haben kein Gespräch mit uns darüber geführt, dass sie ein essentieller Service sind, sie haben nicht versucht, im Lockdown weiter zu wirtschaften, und sie wollten die Unterstützung der Regierung nicht, um geöffnet zu bleiben“, sagte die Premierministerin. „Daher weise ich jede Vermutung zurück, dass Covid-19 und unsere Reaktion darauf sie gezwungen haben, den Druck einzustellen.“ Ardern sagte, sie bedauere diese Entwicklung zutiefst.

          Seitdem zirkulieren jedoch widersprüchliche Schuldzuweisungen. Bauer-Geschäftsführer Brendon Hill behauptet, man habe sich aktiv gegen das Druck-Verbot gewehrt, während der für Medien zuständige Minister Kris Faafoi behauptet, kein einziger Bauer-Mitarbeiter habe sich bezüglich der Restriktionen mit ihm in Verbindung gesetzt, der Verlag habe sich lieber unter dem Deckmantel von Covid-19 einer Last entledigt.

          Die Medienplattform „The Spinoff“ ist jedoch im Besitz von E-Mails, die belegen, dass der Bauer-Konzern sich zusammen mit dem Zeitschriftenverleger-Verband Neuseelands an das Ministerium gewandt hat. Darin hieß es: „Wir sind im konstanten Gespräch mit Regierungsmitarbeitern.“ Der „Listener“ könnte dem Skandal auf den Grund gehen – wenn es ihn noch gäbe.

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