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Amazons Pinkel-Affäre : Flaschen

Logo von Amazon an einem Gebäude des amerikanischen Unternehmens Bild: Reuters

Als der demokratische Abgeordnete Mark Pocan Amazon nach dem Umgang mit Angestellten fragte, fand der Konzern das zuerst lächerlich. Der Hochmut ist dem Konzern von Jeff Bezos inzwischen vergangen.

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          Das glaubt ihr doch nicht wirklich? So lautete die erste Reaktion des Online-Versandkonzerns Amazon, als der demokratische Kongressabgeordnete Mark Pocan in der letzten Märzwoche diese „In-die-Flasche-pinkeln-Sache“ aufgeworfen hatte. Er machte darauf aufmerksam, dass die Lieferfahrer und -fahrerinnen von Amazon ihre Schicht nicht selten absolvieren müssen, ohne dass sanitäre Anlagen in Sicht kämen, und die Mitarbeiter in den Versandcentern derart unter Druck gesetzt würden, dass sie sich nicht nur den Lunch Break, sondern selbst die unumgängliche Fünfminutenpause verkneifen.

          Das fand Amazon ja so etwas von zum Piepen. Denn wenn das stimmte, so der hochmütige Tweet des Versandhändlers, würde ja niemand für Amazon arbeiten. In Wahrheit beschäftige man mehr als eine Million „unglaubliche“ Mitarbeiter weltweit, die stolz auf ihre Arbeit seien, großartig bezahlt würden und eine Krankenversicherung hätten.

          Es dauerte eine Woche, bis der Konzern von Jeff Bezos, welcher an und in der Corona-Pandemie so viel Geld verdient wie kein zweiter Mensch – von einem Vermögenszuwachs von dreizehn Milliarden Dollar an nur einem Tag berichtete der Bloomberg Billionaire Index im vergangenen Sommer –, mitbekommen hatte, dass an der Sache doch etwas dran ist. Sie ist schlicht die reine Wahrheit. Also entschuldigte sich der Konzern kleinlaut beim Abgeordneten Pocan für den Tweet.

          Er sei ein „Eigentor“ gewesen und damit sei man „unglücklich“, hieß es. Im nächsten Atemzug jedoch war schon davon die Rede, dass dies – also die Bedrängnis von Lieferfahrern und mehr noch der Fahrerinnen – ein Problem der gesamten Industrie sei und man dieses gerne lösen würde, aber noch nicht wisse, wie. So widmete die PR-Abteilung vom Amazon die Angelegenheit zur globalen Aufgabe um und ignorierte lässig, dass der Abgeordnete Pocan konkret den Bezos-Konzern und dessen Umgang mit all seinen Angestellten angesprochen hatte, nicht nur mit den Fahrerinnen und Fahrern, und dass es auch darum geht, dass Amazon sich mit allen Mitteln gegen die Vertretung von Gewerkschaften in seinen Betrieben wehrt.

          Die neue amerikanische Regierung unterstützt die Arbeitnehmer im Kampf um Mindestrechte, zumindest verbal. Würde Joe Bidens Administration Donald Trumps Plan, andere Staaten für die Einführung von Digitalsteuern mit Strafzöllen zu bestrafen, endlich ad acta legen und stattdessen dafür sorgen, dass Digitalkonzerne wie Amazon auf ihre Gewinne wenigstens eine Mindeststeuer zahlen; würde diese Regierung also endlich tun, wovon sie dauernd redet, wäre die Welt einen Schritt weiter.

          Seine Pseudominimalentschuldigung setzte Amazon übrigens am Karfreitag ab. Ob man das bei Amazon passend findet? Man könnte meinen, dem Versandhändler, der von sich behauptet, „konsequent an der Schaffung einer von Nachhaltigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Diversität geprägten Unternehmenskultur“ zu arbeiten, sei nicht wirklich etwas heilig.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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