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Widerstand in Diktaturen : Heldentum ist keinem zuzumuten

  • -Aktualisiert am

In der Falle des Hochverrats: Was Widerstand in totalitären Diktaturen sein kann und muß.

          5 Min.

          Bis in die siebziger Jahre war es nahezu allgemeine Erkenntnis, daß die großen Diktaturen in Europa im zwanzigsten Jahrhundert als totalitäre Herrschaft rubriziert werden können.

          Im Zeitalter der Entspannungspolitik wurde der Begriff angezweifelt, wobei auch ein Wunsch nach Beschwichtigung im Spiel gewesen sein mochte. Doch historische Forschung kann nicht von Vergleichen absehen, allein schon, um vom Ähnlichen das Unähnliche unterscheiden zu können.

          In der deutschen historischen Literatur wurde Widerstand lange vornehmlich nur denjenigen Handlungen zugeschrieben, die kämpferisch und unmittelbar auf die Beseitigung des Diktators und der Diktatur gerichtet waren, an erster Stelle der Verschwörung, die zum 20. Juli führte.

          Tatbestände des Hochverrats wie Konspiration, Aufstand, Putsch, Attentat sollten das Kennzeichen sein. Auch Landesverrat konnte dazugehören, wenn er wie im Falle Hans Osters darauf zielte, Hitler eine militärische Niederlage zu bereiten, die seinen Sturz erleichtern würde. Nach solchem Maßstab wäre das Verstecken von Juden, um sie vor der Deportation zu retten, kein Akt des Widerstands gewesen, die maliziöse Verbreitung eines politischen Witzes schon eher. Desertion im Felde war meist kein Akt des Widerstands, und Schwarzmarkthandel gewiß nicht.

          Vielfalt tatsächlichen Widerstrebens

          Wenn Widerstand nur die unmittelbar auf Umsturz gerichteten Handlungen umfassen soll, fällt vieles heraus, zum Beispiel die Verweigerungshaltung der Bekennenden Kirche, die Fronleichnamsprozession als Glaubensbekenntnis und Darstellung religiösen Gegenwillens. Die Regionalstudie über "Bayern in der NS-Zeit" aus den achtziger Jahren dokumentierte die Vielfalt tatsächlichen Widerstrebens und Widerstehens in den kleinen, wenig beachteten Räumen der Provinz.

          In Berlin allein sollen rund zehntausend Juden versteckt worden sein, was mehrere zehntausend Helfer voraussetzte. Und wie ist, ebenfalls in widerständiger Hinsicht, die Haltung von Soldaten zu werten, die sich ohne politisches Kalkül an herkömmliche Vorstellungen von Anstand, Standesehre, Kriegsregeln und Ritterlichkeit hielten?

          Innenpolitische Isolierung der Verschwörer

          Zwischen beiden Formen, dem Hochverrat, zu dem nur wenige in geeigneten Stellungen in der Lage waren, und einer Widerständigkeit, die jedermann ergreifen konnte, besteht eine wichtige Beziehung. Ihr Fehlen stellte eines der größten Probleme für die Verschwörung vom 20. Juli dar.

          Die Verschwörer waren ganz und gar, von den Anfängen 1937/38 (Hoßbach-Protokoll) an, auf sich allein gestellt. Sie schafften es nicht, aus der innenpolitischen Isolierung auszubrechen, in die sie bei Hindenburgs Tod geraten waren. Ihre fachlich-militärischen Einwände gegen Hitlers Kriegspläne kamen nicht zur Geltung gegenüber einer Regierung, die alle Zugänge in die Öffentlichkeit sperrte und sich dort auf nationale Begeisterung und verblüffende außenpolitische Erfolge stützen konnte.

          Den Schlag vom 20. Juli gegen Hitler mit Hilfe des "Walküre"-Plans zu führen war eine einfallsreiche List der Verschwörer, aber auch das Eingeständnis des fatalen Mankos, nicht in Klartext an die Öffentlichkeit treten und dort spontane Zustimmung zur Befreiung erwarten zu können. Sie verfügten über keine Organisationen im Lande: ein Stab ohne Truppe. Ein bloßer Regimentskommandeur wie Remer konnte mit ihnen aufräumen. Sie hatten keine Chance, das Regime vor dem Volk zu delegitimieren. Der Rettungsversuch erschien als Verrat.

          Entscheidet der „historische Erfolg“?

          Im Jahre 1989 verhielt es sich damit ganz anders. Ein langlaufender Prozeß der öffentlichen Delegitimierung der Regime und die zivile Selbstorganisation des Widerspruchs waren weit fortgeschritten. Bei einem Kolloquium der deutsch-russischen "Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen" auf Einladung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte trat dieser Tage deutlich hervor, daß ein Ancien régime überreif geworden sein muß, ehe man es von innen stürzen kann.

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