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Widerstand in Diktaturen : Heldentum ist keinem zuzumuten

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In diesem Fäulnisprozeß - der Begriff fiel nicht - kommt es auf die Vermehrung eines öffentlich artikulierten Dissenses an. Der 17. Juni 1953 in der DDR, die Aufstände von 1956 in Ungarn und Posen, Prag 1968 - alle scheiterten an Interventionen der Sowjetunion. Aber Solidarnosc, die Charta 77, die Schriftsteller, der polnische Papst, Sacharow, die Umweltgruppen, die Menschenrechtsbeobachter bereiteten den Boden, auch in der Sowjetunion. Die Einsprüche der Dissenter begegneten sich mit Zweifeln und Reformbedürfnissen, die Teile der kommunistischen Führungen selbst empfanden.

Heldentum war niemand zuzumuten; verantwortliches und couragiertes Verhalten in der eigenen Reichweite genügten am Ende. Die Dissensbewegungen hatten die Lücken in einem System erkundet, das zwar totale Macht beanspruchte, aber diesen Anspruch nicht total durchsetzen konnte, ohne in aller Öffentlichkeit die eigenen Gesetze zu Lügen erklären zu müssen. Die Dissensbewegungen wedelten mit dem Papier, auf dem ihre Bürgerrechte standen, den Verfassungstexten und der Schlußakte von Helsinki.

Die Dissenter erforschten konsequent und benutzten, wie Marianne Birthler berichtete, alle erlaubten Mittel, zum Beispiel auch demonstrativ die verpönten Wahlkabinen. In der DDR organisierten sie im Frühjahr 1989 die Beobachtung von Wahllokalen und enttarnten die Wahlbetrugspraxis des Regimes. Auch die neuen technischen Informationsmittel halfen mit, namentlich das ubiquitäre Fernsehen.

Im Rückblick ist das Zusammenspiel der verschiedenen Widerstandsformen gut zu erkennen. Soll jedoch erst der historische Erfolg darüber entscheiden, was die Historiker als Widerstandsleistungen anerkennen?

Von großer Bedeutung ist offensichtlich die Dauer einer Diktatur. Im Juli 1944 war die NS-Diktatur erst elf Jahre alt, noch im Zenith ihrer Terrorkarriere. Im Ablauf vieler Jahre verändert die Dikatur Mentalitäten. Umgekehrt ist sie auch zu immer neuen, ermüdenden Anstrengungen zur Kompensation ihrer ständigen, instabilen Künstlichkeit genötigt.

Die Sowjetunion bot zwar in jedem Jahrzehnt ihrer Geschichte, von 1920 an, ein neues Bild, und in jedem gab es Widerstand mit Tausenden, manchmal gar mit Millionen Todesopfern. Den Widerstand der Vorkriegsjahre aus den Quellen zu rekonstruieren ist nahezu unmöglich, weil die Akten der großen Säuberungsprozesse systematisch gefälscht und die Archive nachmals von Stalins Nachfolgern mehrmals gesäubert wurden.

Ringen um halbverdeckte Regimekritik

Erst mit Solschenyzins Buch über den GULag und mit den Anfängen der Dissensbewegung in den siebziger Jahren wurde der Vorhang vor dem russischen Widerstand langsam aufgezogen. Die Literatur war in der Rolle des Pioniers. Eine Zeitschrift, "Novo Mir", die sich ihrer annahm, bewegte sich auf dem schmalen Grat zwischen Verbot und Dissens. Solschenyzin beschrieb in "Das Kalb und die Eiche" das Ringen mit dem Chefredakteur Twardowski um jedes kritische Wort.

Ein russischer Historiker erwähnte in München die Kunst des assoziativen, des anzüglichen Schreibens, das in metaphorischer und detaillierter Darstellung scheinbar fernliegender Stoffe den Leser blitzartig die eigene Gegenwart erkennen und durchschauen läßt, ohne Anhaltspunkte für den tödlichen Nachweis der Konterrevolution mitzuliefern. "Novo Mir" überlebte, auch deshalb, weil die Zeit reif geworden war. Im Deutschland des "Dritten Reichs" wurde die "Frankfurter Zeitung" - keineswegs das einzige, doch das bekannteste Beispiel im Ringen um halbverdeckte Regimekritik und Selbstbehauptung - schließlich zerquetscht. Denn in Deutschland nahm der Terror noch mit jedem Jahr zu.

Der Zeitpunkt war für den Erfolg wichtig. Doch sollte er nicht darüber entscheiden, ob kultureller Widerspruch, wie man versuchsweise die ganze Skala seiner Ausdrucksformen vom couragierten Wort bis zur Hilfe für verfolgte Personen unter Lebensgefahr nennen könnte, in die Phänomenologie des Widerstands gehört. Die individuelle Leistung an verantwortlicher Widerständigkeit bleibt gleich, einerlei, ob sie von Geschlagenen auf immer engeren Wegen in den Untergang oder von Pionieren auf dem Vormarsch erbracht wird. Ihre politische Wirkung ist etwas anderes. Erst hinterher kann man es wissen.

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