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Proteste auf Hawaii : Dem Himmel so nah, dem Himmel so fern

Der Mauna Kea hat sowohl für Astronomen als auch für Ureinwohner große Bedeutung. Das umstrittene Observatorium unten links wurde virtuell eingefügt. Bild: TMT International Observatory

Dreizehn Teleskope gibt es auf dem Mauna Kea auf Hawaii. Der Vulkanberg ist den Hawaiianern heilig. Deshalb regt sich gegen das neueste und größte Observatorium Widerstand.

          Aloha, mit langem „o“ und scharfen „ha“, rufen die Redner. „Aloha“, schallt es tausendfach zurück. Ganz so, wie das hawaiianische Grußritual es vorsieht. Aloha – das ist der Geist von Nächstenliebe und Mitgefühl, tief in der Kultur des Landes verankert. Die Bewohner der Inselgruppe, die keine echten Minderheiten kennt, weil sich die Bevölkerung aus Zugezogenen aus der ganzen Welt zusammensetzt, ist stolz auf diesen Grundkonsens des respektvollen Umgangs miteinander.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir sind auf der Eröffnungszeremonie der 29.Versammlung der International Astronomical Union (IAU). Die hat jeden der rund 2500 Teilnehmer des Treffens zuvor per E-Mail an das große Aloha erinnert. Will heißen: respektvoll anderen Meinungen gegenüberzutreten. Der Hinweis hat einen Grund. Dieser Tage wird Hawaii von einem Konflikt heimgesucht, der das Verhältnis zwischen Hawaiianern und den Vertretern der Himmelskunde auf die Probe stellt.

          Wissenschaft auf einem heiligen Berg

          Hawaii ist einer der wichtigsten astronomischen Beobachtungsorte auf der Nordhalbkugel. Bekannt für ihre traumhaften Strände, ihre perfekten Bedingungen für Surfer und ihre artenreiche Fauna und Flora, hat die Inselkette traditionell auch einen besonderen Bezug zum Sternhimmel, der in der alten Kultur polynesischer Navigation als Wegweiser unverzichtbar war. Der höchste Berg Hawaiis, der 4205 Meter hohe Vulkan Mauna Kea, ist wegen der trockenen, meist wolkenlosen und außergewöhnlich stabilen Atmosphäre ein weltweit einmaliger astronomischer Beobachtungsstandort. Seit den sechziger Jahren haben Hawaiis Teleskope auf dem Mauna Kea unzählige Entdeckungen und wissenschaftliche Durchbrüche ermöglicht.

          So soll das Riesenteleskop auf dem Vulkanberg Mauna Kea aussehen.

          „Der Himmel spielte eine zentrale Rolle in der alten hawaiianischen Kultur, und die frühen Polynesier vertrauten auf ihr Wissen über die Sterne, um erfolgreich Tausende Meilen über den offenen Ozean zu navigieren. Auch heute bleibt Hawaii an der Spitze astronomischer Forschung durch die Observatorien auf dem Mauna Kea auf Big Island und Haleakala auf Maui“, sagt David Y. Ige, der Gouverneur von Hawaii, als er die Astronomen aus aller Welt begrüßt. Das ist nicht nur eine freundliche Begrüßung, das ist auch ein politisches Bekenntnis. Der Gouverneur steht zu den Observatorien auf Hawaii. Angesichts der heftigen Debatte um den Bau des neuen „Thirty Meter Telescope“ (TMT) auf dem Mauna Kea, welche die Hawaiianer in zwei Lager spaltet, ist das ein Zeichen. Die Gegner des Baus verweisen darauf, dass der Mauna Kea für die Hawaiianer ein Heiligtum darstellt, dessen Ruhe durch die Teleskope gestört wird. Die Befürworter betonen die astronomische Tradition Hawaiis und den Stellenwert, den die Wissenschaft für das Land habe.

          „We are Mauna Kea“

          Das Thirty Meter Telescope gehört mit dem in Chile zur Beobachtung des Südsternhimmels geplanten „Giant Magellan Telescope“ (GMT, 24,5 Meter) und dem „European Extremely Large Telescope“ (E-ELT, 39 Meter) zu jenen geplanten, extrem großen Teleskopen, deren Konstruktion helfen soll, den Blick ins Universum von der Erde aus noch einmal deutlich zu schärfen. Als Standort für das TMT hatte sich Hawaii 2009 in einer weltweit durchgeführten Studie durchgesetzt, 2013 hatte der Hawaiian Board of Land and Natural Resources die Baugenehmigung nahe dem Gipfel des Mauna Kea erteilt. Im dortigen „astronomischen Bezirk“ wurden seit 1968 dreizehn Observatorien errichtet.

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          Die Proteste gegen das neue Riesenteleskop begannen im Oktober des vergangenen Jahres bei der Feier zur Grundsteinlegung. Sie eskalierten im April, als anhaltende Straßenblockaden zu einem Baustopp führten. Im Juni sollten die Bauarbeiten wiederaufgenommen werden, doch das scheiterte aufgrund neuer Proteste, die in Wochen darauf zu einer Reihe von Festnahmen führten. Seither ruht der Bau, während Politiker, Wissenschaftler und Gegner des Projekts in Gesprächen nach einem Kompromiss suchen. Im Juli griffen die Proteste auf die Insel Maui über und richteten sich auch gegen das zur Hälfte fertiggestellte Daniel K. Inouye Solar Telescope. Der Konflikt hat es durch große Kampagnen in den sozialen Medien in die internationalen Schlagzeilen gebracht. Prominente wie Nicole Scherzinger oder der Schauspieler Jason Momoa haben sich ihm unter dem Slogan „We are Mauna Kea“ angeschlossen.

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