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Proteste auf Hawaii : Dem Himmel so nah, dem Himmel so fern

Nichts gegen die Astronomie

Die Konferenz der Astronomen bleibt davon zunächst relativ unbeeinflusst. Nur am zweiten Tag der Tagung versammeln sich während der Kaffeepause etwa fünfzig Hawaiianer mit Transparenten vor dem Tagungszentrum, um auf die Probleme der Kommerzialisierung Hawaiis und die Besetzung heiliger Orte hinzuweisen. Ein paar Tage später jedoch werden sich schon einige tausend Menschen auf den Straßen Waikikis zu einem friedlichen Protestmarsch versammeln, dem „Aloha Aina Unity March“. Das touristische Zentrum Honolulus verwandelt sich in ein Meer rot-gelber Flaggen und T-Shirts, auf denen „Ku Kiai Mauna“ (Hüter des Berges) und „Aloha Aina“ (Liebe zum Land) zu lesen ist, Flaggen Hawaiis werden umgedreht als Zeichen des Kummers getragen.

Proteste gegen das geplante Observatorium.

Die Sorge um den heiligen Berg und dessen kulturelles und ökologisches Erbe dominiert den Protest. Ob es für die Teleskop-Gegner irgendeinen Kompromiss jenseits eines völligen Baustopps gibt? „Wir haben schon dreizehn Kompromisse geschlossen, das ist genug“, sagt eine Demonstrantin im Gespräch und spielt dabei auf die dreizehn bestehenden Teleskope auf dem Mauna Kea an. Sie sei weder gegen Astronomie noch gegen Wissenschaft, sagt sie. Aber man solle die Teleskope doch einfach woanders bauen. Nicht auf heiligem Boden. Nicht auf Hawaii.

Hawaii hat dringendere Probleme

Doch das ist nicht das einzige Thema der Proteste. Bei dem Marsch in Waikiki finden die unterschiedlichsten Initiativen zueinander, welche eine Sorge eint: Die Lebensbedingungen auf den Inseln Hawaiis änderten sich, gelenkt durch ausländische Investoren, radikal, die Bedürfnisse der Bevölkerung würden ignoriert. Das Schlagwort „Aloha Aina“ bedeutet, Hawaii für die alteingesessene Bevölkerung zu schützen. Fruchtbares Ackerland wird für den Wohnungsbau freigegeben, Arbeitsplätze in der Landwirtschaft verschwinden, der Import von Nahrungsmitteln steigt. Ein weiteres Problem ist die Verpachtung von Ackerland an ausländische Chemiefirmen, die mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen und Pestiziden experimentieren. Das Thirty Meter Telescope und die internationale Resonanz der Proteste dagegen animieren einige Hawaiianer anscheinend, ihre Unzufriedenheit mit der Politik stärker zum Ausdruck zu bringen und für die eigenen Werte einzutreten.

„Die Leute auf der Straße, das ist die lärmende Minderheit“, sagt hingegen ein anderer Einheimischer, „die schweigende Mehrheit unterstützt die Teleskope.“ Die Demonstranten sollten lieber stolz darauf sein, dass Hawaiis Teleskope zu den besten der Welt gehörten und den Inseln durch ihre Forschungsergebnisse weltweit Aufmerksamkeit verschafften. Er glaube nicht, dass es wirklich um religiöse Gefühle gehe. Ob die Protestierenden den Mauna Kea jemals selbst für traditionelle Rituale nutzen würden, fragt er. Es gebe Dringenderes, wofür man auf die Straße gehen solle: den Schutz der Meere, die Explosion der Mieten und Grundstückspreise, die unkontrollierte Einwanderung vom amerikanischen Festland. Den Bau des Thirty Meter Telescope würden die Proteste ohnehin nicht verhindern.

„Wir wollen den Astronomen die wahre Bedeutung von Aloha zeigen“, sagt Lanakila Mangauil, einer der Organisatoren des Marsches, dem hawaiianischen Journal „Civil Beat“. „Die Idee von Aloha ist ein Austausch von Atem, Auge in Auge. Es ist ein Dialog.“ Es erscheint fast etwas tragisch, dass der Bau des Teleskops genau unter diesem Vorsatz vorbereitet wurde. Anders als bei früheren Projekten wird besonderer Wert auf die gründliche Untersuchung möglicher schädlicher Umwelteinflüsse und die Achtung der kulturellen und spirituellen Bedeutung des Ortes gelegt. Es gab öffentliche Anhörungen, es fließt Geld für die wissenschaftliche und technologische Bildung auf Hawaii. Nun scheint unklar, wie Bewegung in die verfahrene Situation kommt. Klar scheint dagegen, dass man das Thirty Meter Telescope nicht mehr unabhängig betrachten kann von einem ganzen Komplex von Problemen und Kränkungen, denen sich die alteingesessene hawaiianische Bevölkerung ausgesetzt sieht. Das Konzept von Aloha stößt an seine Grenzen.

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