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Widerstand : Das öffentliche Deutschland und der 20. Juli

Schwächen ausgeblendet: Erwin von Witzleben 1944 vor dem Volksgerichtshof Bild:

Der 20. Juli erscheint heute ferner denn je. Die verzweifelt-patriotischen, die christlich-ethischen Motive des deutschen Widerstands sind in unserer Gesellschaft kaum mehr zu vermitteln.

          Es gehört zu den ältesten Lehren der politischen Geschichte, daß unter allen Gruppen einer Bevölkerung am meisten die Edlen zum Widerstand gegen eine Tyrannis bereit und fähig sind. Denn die Tyrannis ist, so glaubte der antike Historiker Polybios, nicht der einfache, absolute Gegensatz der Demokratie, sondern mit dieser oft auf merkwürdige Weise verschränkt. Tyrannen können aus demokratischen Bewegungen oder solchen des Pöbels hervorgehen, und sie sind für ihren Machterhalt nicht selten auf den Demos angewiesen.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Weil das so ist, erscheint der 20. Juli heute ferner denn je. Die verzweifelt-patriotischen, die christlich-ethischen Motive des deutschen Widerstands sind in einer Gesellschaft, die zum postnationalen Weg erzogen wird und um keinen Preis ein christlicher Club sein soll, kaum mehr zu vermitteln. Und was kann der Staatsstreichsversuch einer Gruppe von Offizieren einer Nation sagen, deren oberstes Gericht den Satz "Soldaten sind Mörder" legalisiert hat?

          Kein Begriff von den Stärken und Schwächen

          Die mehr oder weniger offiziösen Versionen, wie sie in den halbdokumentarischen Fernsehspielen der öffentlich-rechtlichen Anstalten diesmal verbreitet wurden, sind kaum geeignet, von den Stärken und Schwächen der Männer des 20. Juli einen wirklichen Begriff zu geben. Nicht von den Stärken: Denn von der durch Stefan George vermittelten, geradezu mystischen Vaterlandsliebe des Grafen Stauffenberg kann man nicht sprechen, ohne den Schwur zu erwähnen, den er kurz vor dem Attentat niederschrieb: "Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf."

          Und ebenso scheut man sich, von den Schwächen der Verschwörer zu sprechen. Noch kürzlich zeigte das ZDF einen Film über den 20. Juli, in dem der Feldmarschall Erwin von Witzleben - vorgesehen als neuer Oberbefehlshaber der Wehrmacht - auf geradezu groteske Weise ausgeblendet blieb. Vielleicht deshalb, weil sich gerade in seiner Person die problematischen Züge verdichteten und ein unvorteilhaftes Licht auf das gesamte Unternehmen geworfen hätten. Denn es ist eine nicht gern erörterte Tatsache, daß von Witzleben ebenso wie der Generaloberst Erich Hoepner - vorgesehen als Oberbefehlshaber im Heimatkriegsgebiet - bei der Verhandlung vor Freislers Volksgerichtshof keine gute Figur machte. Die mutigen Worte, die von Witzleben an Freisler gerichtet haben soll - "Sie können uns dem Henker überantworten. In drei Monaten zieht das gequälte und beleidigte Volk Sie zur Rechenschaft" -, sind im Gerichtsprotokoll nicht enthalten, was natürlich nicht beweist, daß sie nicht gesagt wurden. Dokumentiert aber ist durch die Filme von der Verhandlung, daß von Witzleben den Hitler-Gruß entbot, bis Freisler es ihm untersagte.

          Die zynische Lesart

          Weil die Absichten der Verschwörer mit denen der Alliierten nicht identisch waren, ließen die ersten Reaktionen aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien vor allem eine zynische Lesart des gescheiterten Putsches erkennen. Bertolt Brecht notierte am 21. Juli 1944: "Als etwas über die blutigen Vorgänge zwischen Hitler und den Junkergenerälen durchsickerte, hielt ich für den Augenblick Hitler den Daumen; denn wer, wenn nicht er, wird uns schon diese Verbrecherbande austilgen? Zuerst hat er dem Herrenklub seine SA geopfert, jetzt opfert er den Herrenklub." Das entsprach der öffentlichen Meinung im Westen. Die "New York Herald Tribune" äußerte am 2. August 1944: "Wenn der Hitlerismus sein letztes Gefecht einläutet, indem er die militaristische Tradition zerstört, dann nimmt er den Alliierten einen großen Teil ihrer Arbeit ab."

          Diese zynische Lesart liegt offenbar vor allem dann nahe, wenn man die heutige Bundesrepublik als das notwendige Ziel der Geschichte ansieht, zu dem es Alternativen niemals gab - weil es sie nicht gegeben haben soll. In diesem Sinne hat sich vor einigen Tagen Hildegard Hamm-Brücher geäußert, als sie das Scheitern des Staatsstreichs zu einem "Glücksfall" erklärte. Es sei absurd zu glauben, nach dem Attentat hätte sich eine innenpolitisch vernünftige Lösung ergeben können. Vielmehr sei es eine "geschichtliche Notwendigkeit" für Deutschland gewesen, den Nationalsozialismus bis zum bitteren Ende auszustehen: "Als Lektion war es nötig." Nötige Lektion: Das ist die Sprache der deutschen Bildungspolitik, die Hildegard Hamm-Brücher lange in Hessen vertreten hat.

          Zeugnisse des Widerstands

          Wer sich dieser Lesart nicht anschließen will, dem sei zum sechzigsten Jahrestag der Tat des Grafen Stauffenberg ein Buch nahegelegt, das nicht vom 20. Juli im engeren Sinne handelt, obwohl einige der später hingerichteten Verschwörer, so Percy Gothein und der Sozialdemokrat Theo Haubach, in ihm auftreten. Es ist der Bericht "Untergetaucht unter Freunden" von Claus Victor Bock, vor zwanzig Jahren im Verlag Castrum Peregrini erschienen, ein Edelstein der deutschen Literatur über die Epoche zwischen 1939 und 1945. Hier werden die Lehre und die Disziplin Georges lebendig, die einige ihrer Adepten, unter ihnen auch den Grafen Stauffenberg, in den Widerstand führten.

          Ein Kreis um Wolfgang Frommel hatte in Amsterdam während des Krieges jüdische Jugendliche versteckt, Bock gehörte zu ihnen. Im März 1945 erhielt die Gruppe den Brief eines jungen holländischen Freundes. "Das geistige Deutschland", so zitiert Bock, "wird - was auch kommen mag - weiter existieren. Das übrige Deutschland wird man zur Mittelmäßigkeit erziehen." Wer solche Sätze lesen will, schlage in den Zeugnissen des Widerstands nach.

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