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Zum Tod Enoch zu Guttenbergs : Widerspenstig aus Überzeugung

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Enoch zu Guttenberg, 1946 bis 2018 Bild: Andreas Müller

Die innere Welt der Kunst bewahrte er wie die äußere Welt der Natur. Am Dirigentenpult war er ein Ekstatiker. Zum Tod von Enoch zu Guttenberg.

          Nach Harmonie strebte er sein Leben lang. Deshalb war er auch so hartnäckig unbequem. Frieden mit sich und seiner Umwelt konnte er nur schließen, wenn sich die innere Welt der Kunst mit der äußeren der Natur in Einklang befand. Enoch zu Guttenberg hat an dieser Versöhnung gearbeitet, seit er sich – gegen den Willen der Familie – für die musikalische Laufbahn entschied und immer wieder für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur – gegen Lobbyisten jedweder Couleur – buchstäblich zu Felde zog. Es gehörte zum künstlerischen wie gesellschaftspolitischen Erbgut des Barons aus dem Oberfränkischen, dessen Stammbaum bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht und dessen Familie in den dunkelsten Zeiten der jüngsten deutschen Geschichte vielfältig Widerstand leistete.

          Das ästhetische Credo Johann Sebastian Bachs hat er dabei offenbar auch für sich in Anspruch genommen: „Ich habe fleißig sein müssen, wer ebenso fleißig ist, der wird es ebenso weit bringen.“ Enoch zu Guttenberg hat noch als Student eine eher bescheidene Liedertafel übernommen und mit Beharrlichkeit und künstlerischer Energie in einem halben Jahrhundert zu einem Oratorienchor von Weltgeltung geformt: die Chorgemeinschaft Neubeuern im Landkreis Rosenheim. Das Orchester, dessen Chefdirigent er zudem seit 1997 ist, nennt sich „Orchester der KlangVerwaltung“, eine bizarr anmutende Bezeichnung, die anzeigt, dass hier Musik sorgfältig aufbewahrt, behütet, geschützt, eben treuhänderisch verwaltet und nicht um der Mehrung des eigenen Ansehens willen eitel zelebriert wird.

          Das sollte nicht als Dienst nach Vorschrift an der Musik missverstanden werden. Wer Enoch zu Guttenberg einmal am Pult vor seinem Chor und seinem Orchester erlebt hat, wird einen Ekstatiker am Dirigentenpult in Erinnerung haben, dem eine nur tönend bewegte Form nie genügte, der immer auch nach Sinn und Zweck von Kunst forschte. Dass er dabei die Extreme suchte, erscheint fast zwangsläufig. Expressives Musikantentum eines Karl Richter verband sich bei ihm mit einem ausgeprägten Sinn für historische Aufführungspraxis zu einer Musik als Klangrede ganz im Sinne Nikolaus Harnoncourts. In dieser Weise hat er sich mit Bedacht die Oratorien Bachs und Händels, danach die romantische Chor- und Orchesterliteratur insgesamt und schließlich die Opernwelt Mozarts erschlossen; nicht nur mit seinen eigenen Ensembles, auch als Gastdirigent internationaler Klangkörper Schwerpunkt seines Engagements aber blieb stets die Musik des Barocks und der Frühklassik, für die er als Intendant der Internationalen Festspiele in der Spiegelgalerie des Schlosses Herrenchiemsee seit der Jahrtausendwende zudem einen auch architektonisch angemessenen Rahmen fand.

          Doppeljubiläum in der Münchener Philharmonie

          Wie sehr er sich dabei bemühte, alte Musik für unsere Ohren lebendig werden zu lassen, ohne sie in ihrem Gehalt und ihrer Erscheinungsform zu korrumpieren, konnte man etwa im vorigen Jahr noch erleben bei seiner denkwürdigen Aufführung der Johannespassion. Im Münster Frauenchiemsee wurde das Werk in der liturgischen Konzeption inszeniert, wie es in Leipzig zu Lebzeiten Bachs üblich war, als Teil des Gottesdienstes nämlich, unterbrochen von einer Predigt, die der geneigten Hörerschaft am exklusiven Aufführungsort wie ein barockes Donnerwort in die Glieder fuhr und daran erinnerte, dass die im Vergleich zur Matthäuspassion musikalisch weit kühnere Johannespassion keine ästhetische Erbauung an sich, vielmehr eine theologische Verkündigung mit musikdramatischen Mitteln darstellte. Bachs zentrales Werk wirkte hier gleichsam wie ein expressiv aufgeladener Gerichtsprozess, „ein politisches und menschliches Drama ganz unmittelbar geschildert“, wie es der Dirigent selbst beschrieben hat.

          Mit solch expressiven Belebungen traditioneller Werke hat sich Enoch zu Guttenberg eine große Anhängerschaft gesichert. Es war die innere Welt der Kunst, die er so sehr zu bewahren trachtete wie die äußere Welt der Natur. Als streitbarer Umweltschützer war er dabei engagiert und gefürchtet zugleich. Selbst jene hat er damit aufgerüttelt und der Widersprüche bezichtigt, mit denen er einst gemeinsam stritt und etwa den Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland gründete. Enoch zu Guttenberg hat im November vorigen Jahres noch in der Münchener Philharmonie ein Doppeljubiläum feiern können: die fünfzigjährige Zusammenarbeit mit der Chorgemeinschaft Neubeuern und zwanzig Jahre Engagement für das Orchester KlangVerwaltung. Am 28. Juni hätte er mit seinen beiden Ensembles noch beim Rheingau Musik Festival das Requiem von Giuseppe Verdi aufführen sollen. Gestern ist der vielfach geehrte Künstler, wenige Wochen vor Vollendung des zweiundsiebzigsten Lebensjahrs, überraschend in München verstorben.

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