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Wider die Denkmalstürzerei : Kolumbus hin, Kolumbus her

  • -Aktualisiert am

Steht noch: Die Kolumbus-Statue auf dem Columbus Circle in New York. Bild: AFP

Was ist, wenn erst einmal alle Statuen diffamiert und gestürzt worden sind? Wenn Einwände gegen blinde Umsturzwut nicht mehr zählen? Wir werfen einen Blick ins Jahr 2030.

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          Die Welt im Jahr 2030: Alle Statuen historischer Personen rund um den Globus sind entsorgt. Amerika und vor allem New York gingen damals, als alles begann im Juni 2020, mit leuchtendem Vorbild voran: In Kürze hatte man alle ethisch untragbar gewordenen Standbilder erst diffamiert, dann abgerissen und die bronzenen zu Tierfiguren im Zoo umgeschmolzen.

          Das ging mit dem zentralen Kolumbus-Denkmal auf dem gleichnamigen Circle in Manhattan recht fix. Der zerstoßene „Blutmarmor“ von Säule und Statue wurde als schicker Straßenbelag verwendet, der Platz in Ivanka-Trump-Circus umbenannt. Zuvor hatten die letzten beiden Kolumbus-Unterstützer in Stadt und Bundesstaat New York, Bürgermeister Bill de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo, noch einen unbeholfenen Rettungsversuch unternommen.

          Wiesen sie doch auf eine viel zu komplexe Beziehung der Stadt zu ihrer großen italienischen Gemeinde im neunzehnten Jahrhundert hin, als insbesondere die zahlreichen Einwohner des Viertels Little Italy und der zur Hälfte zahlende Herausgeber der ersten italienischsprachigen Zeitung „Il Progresso Italo-Americano“ den Kolumbus als Symbol des ethnischen Stolzes auf diesen uneinsichtigen Kolonialisten 1892 beim Bildhauer Gaetano Russo in Auftrag gaben – gerade um Fremdenfeindlichkeit zu lindern.

          Erst im Jahr zuvor waren elf italienische Einwanderer, die von einer Mordanklage freigesprochen worden waren, in New Orleans von Tausenden von Menschen gelyncht worden. Nach diesem traumatischen Ereignis suchten die italienischen Einwanderer Anerkennung im neuen Land, indem sie dort zahlreiche Statuen für ihren Landsmann Kolumbus errichteten. Die Inschrift auf dem Sockel laute, so De Blasio und Cuomo, nicht von ungefähr: „Columbus, von den in Amerika lebenden Italienern, die vor und während der Reise verspottet, bedroht, danach angekettet wurden, so großzügig wie unterdrückt, der Welt gegeben ...“

          De Blasio und Cuomo aber galten beide als Italienischstämmige für befangen, ihr Versuch der historischen Einbettung wurde umgehend als Blackfacing der damaligen Italoamerikaner gesehen und mit großer Mehrheit der Indigenen und Hispanics abgelehnt. Auch die ebenfalls von Italienern errichtete Statue auf dem New Yorker Columbus Square am Astoria Boulevard, 1941 von Angelo Racioppi geschaffen, konnte anfangs leicht ersetzt werden.

          Zwar war die Statue mit New-Deal-Mitteln des „New York City Works Progress Administration Art Project“ in Auftrag gegeben worden, als aber vorgeschlagen wurde, stattdessen Statuen des Schauspielers Christopher Walken und des Sängers Tony Bennett aufzurichten, die beide im Stadtteil Astoria geboren wurden, war die Sache 2020 klar. Dumm nur, dass bald mehrere Mütter auf seelische Grausamkeit klagten, weil der Walken in Bronze so irre blicke und die Seelen ihrer Kinder schädige, während Bennett sich als geborener Anthony Benedetto herausstellte. Derartiges soll nicht wieder vorkommen. Für Juli 2030 fordert eine Petition daher ein generelles Verbot von Historiographie.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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