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Wider den Terror des Tiefsinns : Ist Ernstsein wirklich alles?

  • -Aktualisiert am

Mit Tiepolo gegen den Terror der Tiefsinnigkeit: Zehn Jahre Ironiekrise sind genug, zehn Jahre „Ende der Spaßgesellschaft“ machen Lust auf einen neuen Anfang

          7 Min.

          Tiepolo ist ein ganz gutes Beispiel. Giovanni Battista Tiepolo, der Barockmaler. Es wird im Folgenden nämlich um die Krise der Ironie gehen, um Peter Hahne und Sigrid Löffler, sogar um Fußball - und um die Frage, was das mit dem verdrucksten Akademie-Stil zu tun hat, mit dem heute so oft über Kunst geschrieben wird und nicht nur darüber. Tiepolo ist auch deshalb so ein gutes Beispiel, weil allein der Name einen bestimmten Ton erwarten lässt, den hohen Ton der Kunstandacht, wie man ihn in den Faltblättern der Museen findet. Wenn der dann aber ausbleibt, herrscht Verärgerung, dann werden Beschwerdebriefe geschrieben, und die sind sozusagen Teil des Themas, denn das hat, wie alles, gute Gründe, die tief in der Geschichte wurzeln. Eben zum Beispiel bei Tiepolo.

          Es gibt da jetzt im Berliner Kupferstichkabinett eine wunderbare kleine Ausstellung über „Bilderzyklen der Aufklärungszeit“; Goyas „Caprichos“ sind da zu sehen, Piranesis Kerker-Phantasien natürlich, aber auch eine schöne Auswahl der seltener gezeigten „Scherzi“ von Tiepolo. Auf diesen Blättern kommen Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, antikisches Ruinenpathos und Commedia-dell’Arte-Clowns, nackte Heldenbrüste und bartkratzende Orientalen, magisches Zauberzeug und ein ganzer Schilderwald der allegorischen Verweise. Etüden eines höchstpersönlichen Einfallsreichtums waren das, die sich auch als Einzelblätter gut verkauften.

          Das Problem mit Tiepolo war nur, dass er es bei offiziellen Auftragsgemälden mehr oder weniger genauso hielt. Das Deckenfresko im Treppenhaus des Würzburger Residenzschlosses gilt als das mit Abstand größte Gemälde auf deutschem Boden - aber das bezog sich lange eher auf seine Quadratmeterzahl als auf seine Bedeutung. Dafür war es Tiepolos Nachwelt immer irgendwie zu virtuos, zu frivol, zu spielerisch und zu ironisch: Es irritierte die Leute, dass sie nicht sicher sagen konnten, ob Tiepolo den Fürstbischof hier nun verherrlicht oder verhöhnt.

          Humorlosigkeit heißt Seelentiefe

          Dass unter anderem genau darin die Leistung liegen könnte, wurde eigentlich erst Mitte der Neunziger so richtig in Betracht gezogen, als plötzlich auch Bücher erschienen, die Tiepolos „pictorial intelligence“ zu würdigen wussten. Bis dahin hatte Tiepolo immer als die extrasüße Spätlese des Ancien Régime gegolten, als einer, der die ganze Malerei der Renaissance und des Barock im Ärmel stecken hatte und nur mal sanft schütteln musste, dann war wieder eine Palastdecke gefüllt oder eine Kirche. Es hat diejenigen, die über ihn geschrieben haben, immer spürbar gefuchst, dass sie vor diesen Bildern das Gefühl beschleichen musste, Tiepolo habe am Ende gar nicht „ernsthaft“ daran geglaubt. Nicht an die Herrlichkeit der verherrlichten Fürsten, womöglich noch nicht einmal an das Religiöse.

          Denn bei ihm sah beides grundsätzlich und mit Absicht aus wie Theater. Man spürte manchmal richtig die Erleichterung der Autoren, wenn es bei der Lebensbeschreibung des Venezianers an die Stelle kam, wo er bei seinem letzten Engagement, am Königspalast von Madrid, von Klassizisten wie Anton Raphael Mengs ins Abseits gedrängt wird, die ernster, tiefer, wesentlicher sein wollten und im Ergebnis leider vor allem plumper und langweiliger waren. Hier beginnt das Phänomen, dass die bloße Abwesenheit von Witz, Talent und Esprit schon als seelische Tiefe und moralische Redlichkeit durchgehen.

          Erkenntnis im Witz

          Mengs gegen Tiepolo, das war ein erster Sieg des Ernsthaftigkeitskultes, der im Grunde bis heute herrscht und eine ganze Kultur der Gewitztheit zermalmt hat, bis hin zu dem Wort selbst. Früher hatte man Witz, heute erzählt man sich welche. Ein Witz ist heute dazu da, dass sich die Leute vor Lachen auf die Oberschenkel hauen. Witz war im Ursprung aber etwas, das man brauchte, um im Salon mithalten zu können, wenn ein Wort das nächste ergab und ein Gedanke an den anderen stieß wie bei einem Billardspiel, Witz hieß Geist, geistreich sein und geistesgegenwärtig. Daran muss man, weil das Wort so heillos im Eimer ist, leider immer mal wieder erinnern: Witz hieß nicht Dieter Hallervorden, Witz hieß Diderot.

          Aber seit der Diktatur des Ernstes gilt auch eine Pointe eben nur noch als etwas, wo hinterher die Karnevalskapelle einen Tusch spielt. Dass Pointen in Wirklichkeit Erkenntnisbomben und Sinnstiftungsüberrumpelungen sein können, dass es einmal eine ganze Pointentheorie gab, die dem Geistreichen und dem Scharfsinnigen einen erkenntnistheoretischen Status verschafften, von dem zerknirschte Grübler heute noch träumen dürfen, das ist dabei leider weitgehend auf der Strecke geblieben.

          „Überhaupt verzeiht der Deutsche den Witz als Nebensache lieber denn als Sache - er will ihn als Putzkleid, nicht als Amtskleid erblicken“, notiert Jean Paul in seiner „Vorschule der Ästhetik“; und wenn das ein bisschen beleidigt klingt, dann wird er schon seinen Grund dafür gehabt haben. Denn so wie Tiepolo ging es ihm ja auch, genauso wie Heine und Lichtenberg, und zwar schon zu Lebzeiten: Erst begeistert als frech und heiter goutiert, anschließend genau deshalb in die zweite Reihe verbannt. Das ist offenbar von Anfang eine Eigentümlichkeit des deutschen Bildungsbürgers: dass er sich schon ganz gern unterhalten lässt, danach aber aus schlechtem Gewissen und in einem Akt der ausgelagerten Selbstkasteiung den Grund seines Vergnügens mit Geringschätzung straft.

          Ernst, Würde, Realität

          Es kann schon sein, dass, wie es immer heißt, der beflissene Ernst auch ein bürgerliches Kontrastmittel war zur Leichtfüßigkeit der aristokratischen Kultur. Hier kommt das ja auch her, dass die Leute vor Kunstwerken, was damals wirklich neu war, in gottesdienstliche Andacht verfallen, wodurch ihnen jeder Umgang damit, bei dem sich der Betrachter als der Souverän aufführt, was das ältere Verfahren wäre, flapsig und blasphemisch vorkommen muss. Es spricht aber auch einiges dafür, dass der neue Sound von Ernst und Tiefsinnigkeit eben schlicht als Sound attraktiv war, weil der Mensch nach so viel spitzem, harten Dur seine Nerven immer ein wenig ins wärmende Moll tauchen muss. Und es ist dann frappierend, wie sehr das den Diskussionen von heute ähnelt.

          Diese ganze so göttergleich und menschenfern um die Dinge kreiselnde Ironie, wettert nämlich Hegel, in seinem vielleicht monumentalsten Wutanfall, sei „die Konzentration des Ich in sich, für welches alle Bande gebrochen sind und das nur in der Seligkeit des Selbstgenusses leben mag. Diese Ironie hat Herr Friedrich von Schlegel erfunden, und viele andere haben sie nachgeschwatzt.“ Vom Vorwurf des moralisch entgrenzten Hedonismus bis zu dem der gedankenlosen Geschwätzigkeit steckt da alles schon drin, womit sich auch heute Kampfschriften gegen den Zeitgeist im Allgemeinen und die Ironie im Besonderen füllen lassen.

          Hegel ist an dieser Stelle gewissermaßen der Peter Hahne seiner Zeit. Umgekehrt gilt das natürlich nur bedingt. Aber das Unbehagen ist offensichtlich das gleiche. „Ernsthaftigkeit (nicht Freudlosigkeit) sollte wieder über die Belanglosigkeit triumphieren, die Würde über die Ironie, die Realität über das Getue. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Kultur. Viele haben vom Lachen genug. ,Die Kultur muss wieder mit Leben erfüllt werden‘ (,ZEIT‘)“.

          Heimweh nach dem Bauernhof

          Peter Hahnes „Schluss mit lustig - Das Ende der Spaßgesellschaft“ aus dem Jahr 2004 hatte eine Gesamtauflage von sechs Millionen, es ist eines der erfolgreichsten deutschen Bücher des vergangenen Jahrzehnts. Die Botschaft ist: Die Welt ist aus den Fugen, wir müssen dringend zurück zu Anstand, Sitte, Werten, Bibel. „Die Spaß-Generation hat sich müde gespielt“, hatte schon acht Jahre zuvor, 1996, ein Essay von Sigrid Löffler geheißen, und da waren Comedy-Boom und „Big Brother“ noch nicht einmal am Horizont zu sehen. Ihre Botschaft war: Es mögen bitte wieder elektrische Stacheldrahtzäune zwischen die verschiedenen Sphären der Kultur gepflanzt werden.

          Denn in der Kultur der frühen Neunziger war, auch befeuert durch den Mauerfall, „Crossover“ die zentrale Vokabel; dauernd wurden disparate Dinge zusammengebracht, wie auf einem Scherzo von Tiepolo. Irgendwann zwischen diesen beiden Abgesängen erschien noch „Das Elend der Ironie“ von Jedediah Purdy, einem klugen jungen Amerikaner, den zwischen seinen reichen, ironischen Kommilitonen das Heimweh nach dem Bauernhof seiner Kindheit packte, wo alle Dinge ihren Platz und ihren Namen hatten und (einigermaßen) Verlass darauf war, dass einen keiner veralbert. Das war jedenfalls der Ausgangspunkt seiner Analysen.

          Drei vielbeachtete Aufrufe zum Ernst. Drei Mal ein „Zurück zu was auch immer“. Das heißt, drei Mal entpuppt sich „Ernst“ im Kern als regressive Sehnsucht, als Fluchtreflex, als Drang, die Komplexität der Gegenwart zurückzuschrauben, einzuzäunen oder durch vertrauensvolles Zureden aus der Welt zu schaffen.

          Drumherum statt mittenhinein

          Zehn Jahre nach 9/11, dem Tag, auf den Hahne, Löffler und Purdy eigentlich anstoßen müssten, wenn sie Ironiker wären, was sie ja nun einmal nicht sind, zehn Jahre nach dem Wiedereintritt von blutigem Ernst in einen Teil der Welt, der lange dachte, der Quatsch wäre vorbei und jetzt sei Zeit zum Feiern, muss man bilanzieren, dass ihre Wünsche zu einem großen Teil in Erfüllung gegangen sind: Religion spielt wieder eine wichtige Rolle, von „Crossover“ oder „Multikultur“ redet lieber keiner mehr, und Harald Schmidt verliert den Sendeplatz. Die Welt ist deutlich unironischer geworden. Aber ist sie dadurch besser?

          Vielleicht sollte man Friedrich Schlegel und seiner Ironie doch noch einmal eine Chance geben. Um die Dinge herumgehen, statt, wie Hegel, mitten hinein. Herumgehen und die eigene Position relativieren, die Sache von allen Seiten betrachten. Vielleicht sollte man, wenn dann wieder einer nach „Haltung“ verlangt, demjenigen mitteilen, dass er einen mal könne, weil die Welt schließlich kein Kasernenhof ist. Und dann vielleicht einen Witz versuchen, denn ein Witz, steht bei Jean Paul, „ist von Natur ein Geister- und Götter-Leugner, er nimmt an keinem Wesen teil, sondern nur an dessen Verhältnissen, er achtet und verachtet nichts“. Das klingt doch gut. Das klingt doch geradezu nach dem, was ein Journalist nach dem berühmten Diktum von Hanns Joachim Friedrichs sowieso immer tun soll. Sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.

          Mit Neururer begann der Spaß

          Und vielleicht mit einer Pointe einen Funken schlagen, um so zumindest ein bisschen Licht in das Dunkel zu bringen, welches exakt da herrscht, wo sie bis zu den Schultern im Jargon akademischer Tiefsinnigkeiten baden und lieber mit dem Kopf unter einem Schaum aus Referenzen verschwinden, als ihn mal für einen eigenen Gedanken, einen eigenen Einfall zu strapazieren. Der Schweizer Mediävist Valentin Groebner hat gerade eine Studie zu der Frage vorgelegt, warum sich die Sprache jüngerer Kulturwissenschaftler um so verbissener hinter standardisierten Intellektualitätsattrappen verschanzt, je prekärer ihre soziale und hierarchische Situation ist („Wissenschaftssprache“, Konstanz University Press). Die Antwort ist, natürlich: Unsicherheit und Angst. Man müsste eigentlich sofort allen unterhalb der Emeritierten irgendeine ökonomische Basis für seriöse Ironiefähigkeit zimmern. Denn Witzeln ist schon ein Horror, aber Ernsteln ist noch schlimmer.

          Selber denken und mehr Ironie wagen - das würde auch ein größeres Bewusstsein für die Begriffe mit sich bringen. Die „Spaßgesellschaft“, die so oft zum Teufel gewünscht wurde, zum Beispiel, das hat der Kollege Jörg Thomann vor Jahren für diese Zeitung mal recherchiert, die ist erst 1993 von einem Sportreporter der „taz“ erfunden worden. Die Spaßgesellschaft habe Peter Neururer hochgespült und zum Trainer von Saarbrücken gemacht. Rätselhafter Satz. Neururer war ein Mann, den man oft lachen sah, obwohl er in seinem Trainerleben wenig Grund dafür hatte. Dafür war es ebenfalls ein Fußballtrainer, der das Wort am geistreichsten gebrauchte: Matthias Sammer, der da geboren wurde, wo Schlegel begraben liegt, beschimpfte einmal seine eigene Mannschaft wegen mangelnden Einsatzwillens als Spaßgesellschaft.

          Hätte man gar nicht gedacht von Sammer. Und nie erfahren wird man, ob das Ernst war oder Absicht.

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