https://www.faz.net/-gqz-6yuqn

Wider den Terror des Tiefsinns : Ist Ernstsein wirklich alles?

  • -Aktualisiert am

Vielleicht sollte man Friedrich Schlegel und seiner Ironie doch noch einmal eine Chance geben. Um die Dinge herumgehen, statt, wie Hegel, mitten hinein. Herumgehen und die eigene Position relativieren, die Sache von allen Seiten betrachten. Vielleicht sollte man, wenn dann wieder einer nach „Haltung“ verlangt, demjenigen mitteilen, dass er einen mal könne, weil die Welt schließlich kein Kasernenhof ist. Und dann vielleicht einen Witz versuchen, denn ein Witz, steht bei Jean Paul, „ist von Natur ein Geister- und Götter-Leugner, er nimmt an keinem Wesen teil, sondern nur an dessen Verhältnissen, er achtet und verachtet nichts“. Das klingt doch gut. Das klingt doch geradezu nach dem, was ein Journalist nach dem berühmten Diktum von Hanns Joachim Friedrichs sowieso immer tun soll. Sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.

Mit Neururer begann der Spaß

Und vielleicht mit einer Pointe einen Funken schlagen, um so zumindest ein bisschen Licht in das Dunkel zu bringen, welches exakt da herrscht, wo sie bis zu den Schultern im Jargon akademischer Tiefsinnigkeiten baden und lieber mit dem Kopf unter einem Schaum aus Referenzen verschwinden, als ihn mal für einen eigenen Gedanken, einen eigenen Einfall zu strapazieren. Der Schweizer Mediävist Valentin Groebner hat gerade eine Studie zu der Frage vorgelegt, warum sich die Sprache jüngerer Kulturwissenschaftler um so verbissener hinter standardisierten Intellektualitätsattrappen verschanzt, je prekärer ihre soziale und hierarchische Situation ist („Wissenschaftssprache“, Konstanz University Press). Die Antwort ist, natürlich: Unsicherheit und Angst. Man müsste eigentlich sofort allen unterhalb der Emeritierten irgendeine ökonomische Basis für seriöse Ironiefähigkeit zimmern. Denn Witzeln ist schon ein Horror, aber Ernsteln ist noch schlimmer.

Selber denken und mehr Ironie wagen - das würde auch ein größeres Bewusstsein für die Begriffe mit sich bringen. Die „Spaßgesellschaft“, die so oft zum Teufel gewünscht wurde, zum Beispiel, das hat der Kollege Jörg Thomann vor Jahren für diese Zeitung mal recherchiert, die ist erst 1993 von einem Sportreporter der „taz“ erfunden worden. Die Spaßgesellschaft habe Peter Neururer hochgespült und zum Trainer von Saarbrücken gemacht. Rätselhafter Satz. Neururer war ein Mann, den man oft lachen sah, obwohl er in seinem Trainerleben wenig Grund dafür hatte. Dafür war es ebenfalls ein Fußballtrainer, der das Wort am geistreichsten gebrauchte: Matthias Sammer, der da geboren wurde, wo Schlegel begraben liegt, beschimpfte einmal seine eigene Mannschaft wegen mangelnden Einsatzwillens als Spaßgesellschaft.

Hätte man gar nicht gedacht von Sammer. Und nie erfahren wird man, ob das Ernst war oder Absicht.

Weitere Themen

Ein skeptischer Satyr

Siemens-Musikpreis : Ein skeptischer Satyr

Er liebt die Klarheit für den Hörer und die ironische Distanz, bisweilen sogar Komik anstelle von Pathos: Der Komponist Georges Aperghis erhält den mit einer Viertelmillion Euro dotierten Ernst von Siemens-Musikpreis 2021.

Topmeldungen

Nordrhein-Westfalen, Essen: Eine Mitarbeiterin der Pflege in Schutzausrüstung betreut einen Corona-Patienten.  (Archivbild)

Corona in Deutschland : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter auf 10,3

Das RKI hat seit dem Vortag 1076 Corona-Neuinfektionen registriert. Vor einer Woche war der Wert noch mehr als doppelt so hoch. Auch die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen ist kleiner als in der Vorwoche. Weltweit allerdings steigen die Totenzahlen rasant an.
Naomi Osaka in einem Archivbild von 2019. Die 23-Jährige wird nicht in Wimbledon spielen.

Nach Rafael Nadal : Auch Naomi Osaka verzichtet auf Wimbledon

Die 23-Jährige hatte jüngst enthüllt, dass sie unter Depressionen leidet. Zur Olympiade in ihrem Heimatland Japan wolle sie aber antreten. Nach der gesundheitlich bedingten Absage von Nadal fehlt Wimbledon damit ein zweiter Superstar.
Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.