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Wider den Terror des Tiefsinns : Ist Ernstsein wirklich alles?

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Diese ganze so göttergleich und menschenfern um die Dinge kreiselnde Ironie, wettert nämlich Hegel, in seinem vielleicht monumentalsten Wutanfall, sei „die Konzentration des Ich in sich, für welches alle Bande gebrochen sind und das nur in der Seligkeit des Selbstgenusses leben mag. Diese Ironie hat Herr Friedrich von Schlegel erfunden, und viele andere haben sie nachgeschwatzt.“ Vom Vorwurf des moralisch entgrenzten Hedonismus bis zu dem der gedankenlosen Geschwätzigkeit steckt da alles schon drin, womit sich auch heute Kampfschriften gegen den Zeitgeist im Allgemeinen und die Ironie im Besonderen füllen lassen.

Hegel ist an dieser Stelle gewissermaßen der Peter Hahne seiner Zeit. Umgekehrt gilt das natürlich nur bedingt. Aber das Unbehagen ist offensichtlich das gleiche. „Ernsthaftigkeit (nicht Freudlosigkeit) sollte wieder über die Belanglosigkeit triumphieren, die Würde über die Ironie, die Realität über das Getue. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Kultur. Viele haben vom Lachen genug. ,Die Kultur muss wieder mit Leben erfüllt werden‘ (,ZEIT‘)“.

Heimweh nach dem Bauernhof

Peter Hahnes „Schluss mit lustig - Das Ende der Spaßgesellschaft“ aus dem Jahr 2004 hatte eine Gesamtauflage von sechs Millionen, es ist eines der erfolgreichsten deutschen Bücher des vergangenen Jahrzehnts. Die Botschaft ist: Die Welt ist aus den Fugen, wir müssen dringend zurück zu Anstand, Sitte, Werten, Bibel. „Die Spaß-Generation hat sich müde gespielt“, hatte schon acht Jahre zuvor, 1996, ein Essay von Sigrid Löffler geheißen, und da waren Comedy-Boom und „Big Brother“ noch nicht einmal am Horizont zu sehen. Ihre Botschaft war: Es mögen bitte wieder elektrische Stacheldrahtzäune zwischen die verschiedenen Sphären der Kultur gepflanzt werden.

Denn in der Kultur der frühen Neunziger war, auch befeuert durch den Mauerfall, „Crossover“ die zentrale Vokabel; dauernd wurden disparate Dinge zusammengebracht, wie auf einem Scherzo von Tiepolo. Irgendwann zwischen diesen beiden Abgesängen erschien noch „Das Elend der Ironie“ von Jedediah Purdy, einem klugen jungen Amerikaner, den zwischen seinen reichen, ironischen Kommilitonen das Heimweh nach dem Bauernhof seiner Kindheit packte, wo alle Dinge ihren Platz und ihren Namen hatten und (einigermaßen) Verlass darauf war, dass einen keiner veralbert. Das war jedenfalls der Ausgangspunkt seiner Analysen.

Drei vielbeachtete Aufrufe zum Ernst. Drei Mal ein „Zurück zu was auch immer“. Das heißt, drei Mal entpuppt sich „Ernst“ im Kern als regressive Sehnsucht, als Fluchtreflex, als Drang, die Komplexität der Gegenwart zurückzuschrauben, einzuzäunen oder durch vertrauensvolles Zureden aus der Welt zu schaffen.

Drumherum statt mittenhinein

Zehn Jahre nach 9/11, dem Tag, auf den Hahne, Löffler und Purdy eigentlich anstoßen müssten, wenn sie Ironiker wären, was sie ja nun einmal nicht sind, zehn Jahre nach dem Wiedereintritt von blutigem Ernst in einen Teil der Welt, der lange dachte, der Quatsch wäre vorbei und jetzt sei Zeit zum Feiern, muss man bilanzieren, dass ihre Wünsche zu einem großen Teil in Erfüllung gegangen sind: Religion spielt wieder eine wichtige Rolle, von „Crossover“ oder „Multikultur“ redet lieber keiner mehr, und Harald Schmidt verliert den Sendeplatz. Die Welt ist deutlich unironischer geworden. Aber ist sie dadurch besser?

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