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Wider den Terror des Tiefsinns : Ist Ernstsein wirklich alles?

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Denn bei ihm sah beides grundsätzlich und mit Absicht aus wie Theater. Man spürte manchmal richtig die Erleichterung der Autoren, wenn es bei der Lebensbeschreibung des Venezianers an die Stelle kam, wo er bei seinem letzten Engagement, am Königspalast von Madrid, von Klassizisten wie Anton Raphael Mengs ins Abseits gedrängt wird, die ernster, tiefer, wesentlicher sein wollten und im Ergebnis leider vor allem plumper und langweiliger waren. Hier beginnt das Phänomen, dass die bloße Abwesenheit von Witz, Talent und Esprit schon als seelische Tiefe und moralische Redlichkeit durchgehen.

Erkenntnis im Witz

Mengs gegen Tiepolo, das war ein erster Sieg des Ernsthaftigkeitskultes, der im Grunde bis heute herrscht und eine ganze Kultur der Gewitztheit zermalmt hat, bis hin zu dem Wort selbst. Früher hatte man Witz, heute erzählt man sich welche. Ein Witz ist heute dazu da, dass sich die Leute vor Lachen auf die Oberschenkel hauen. Witz war im Ursprung aber etwas, das man brauchte, um im Salon mithalten zu können, wenn ein Wort das nächste ergab und ein Gedanke an den anderen stieß wie bei einem Billardspiel, Witz hieß Geist, geistreich sein und geistesgegenwärtig. Daran muss man, weil das Wort so heillos im Eimer ist, leider immer mal wieder erinnern: Witz hieß nicht Dieter Hallervorden, Witz hieß Diderot.

Aber seit der Diktatur des Ernstes gilt auch eine Pointe eben nur noch als etwas, wo hinterher die Karnevalskapelle einen Tusch spielt. Dass Pointen in Wirklichkeit Erkenntnisbomben und Sinnstiftungsüberrumpelungen sein können, dass es einmal eine ganze Pointentheorie gab, die dem Geistreichen und dem Scharfsinnigen einen erkenntnistheoretischen Status verschafften, von dem zerknirschte Grübler heute noch träumen dürfen, das ist dabei leider weitgehend auf der Strecke geblieben.

„Überhaupt verzeiht der Deutsche den Witz als Nebensache lieber denn als Sache - er will ihn als Putzkleid, nicht als Amtskleid erblicken“, notiert Jean Paul in seiner „Vorschule der Ästhetik“; und wenn das ein bisschen beleidigt klingt, dann wird er schon seinen Grund dafür gehabt haben. Denn so wie Tiepolo ging es ihm ja auch, genauso wie Heine und Lichtenberg, und zwar schon zu Lebzeiten: Erst begeistert als frech und heiter goutiert, anschließend genau deshalb in die zweite Reihe verbannt. Das ist offenbar von Anfang eine Eigentümlichkeit des deutschen Bildungsbürgers: dass er sich schon ganz gern unterhalten lässt, danach aber aus schlechtem Gewissen und in einem Akt der ausgelagerten Selbstkasteiung den Grund seines Vergnügens mit Geringschätzung straft.

Ernst, Würde, Realität

Es kann schon sein, dass, wie es immer heißt, der beflissene Ernst auch ein bürgerliches Kontrastmittel war zur Leichtfüßigkeit der aristokratischen Kultur. Hier kommt das ja auch her, dass die Leute vor Kunstwerken, was damals wirklich neu war, in gottesdienstliche Andacht verfallen, wodurch ihnen jeder Umgang damit, bei dem sich der Betrachter als der Souverän aufführt, was das ältere Verfahren wäre, flapsig und blasphemisch vorkommen muss. Es spricht aber auch einiges dafür, dass der neue Sound von Ernst und Tiefsinnigkeit eben schlicht als Sound attraktiv war, weil der Mensch nach so viel spitzem, harten Dur seine Nerven immer ein wenig ins wärmende Moll tauchen muss. Und es ist dann frappierend, wie sehr das den Diskussionen von heute ähnelt.

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