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Jürgen Kaube (kau)

Migrantische Wetterlagen : Antje und Ahmet

  • -Aktualisiert am

Hauptstadtwitterung: Seit 1954 vergibt das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete. Bild: dpa

Wetterberichtigung: Nach Ansicht eines Vereins müsste es unter Hoch- und Tiefdruckgebieten mehr Herkunftsvielfalt geben. Deswegen sollen sie nun migrantische Namen bekommen. Dabei ist das gar nichts Neues.

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          Die Benennung der Hoch- und Tiefdruckgebiete ist hierzulande eine gut geordnete Angelegenheit. Wer einer Wetterlage den Vornamen geben will, kann das seit gut zwanzig Jahren beim Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin tun. Hochdruckgebiete kosten 360 Euro, die deutlich häufigeren Tiefdruckzonen 240 Euro. Die weiblichen und die männlichen Bezeichnungen wechseln, in ungeraden Jahren wie diesem fällt der Hochdruck an die Frauen. Nur standesamtlich anerkannte Namen sind erlaubt und keine Doppelnamen. So weit so harmlos.

          Jetzt allerdings kommt gerade die Pressemitteilung eines Vereins, der sich dem Ziel verschrieben hat, in den Medien für mehr Herkunftsvielfalt der Journalisten zu sorgen. Um dafür zu werben, hat er sich vorgenommen, „das Wetter diverser zu machen“, und meint damit die Namen. Für die ersten Hochs und Tiefs des neuen Jahres hat der Verein unter dem Titel „Wetterberichtigung“ vierzehn Patenschaften für Namen übernommen, die er „migrantische Namen“ nennt. Denn bisher habe das Wetter fast nur typisch deutsche Namen gehabt. Zu zeigen, dass Ahmet und Dragica auch die Namen von Deutschen oder Europäern – das Wetter macht nicht an Grenzen halt – sein können, ist das Gute an dieser symbolischen Aktion.

          Unpolitisch schön

          Warum aber wird behauptet, bislang habe es für Hoch- und Tiefdruck „fast immer nur Namen wie Gisela und Helmut“ gegeben? Helmut schon drei Jahre lang nicht, ohne dass jemand darunter litt. Weshalb muss, mit anderen Worten, das Erfreuliche stets mit dem Zusatz versehen werden, soeben noch hätten wir in der Homogenitäts- oder Diversitätsverdrängungshölle gelebt? Haben wir nicht. Im Vorjahr finden wir beispielsweise: Damira, Farideh, Ismail, Jadranka, Joyce, Jurij, Karaket, Keywan, Lynn, Marola, Naima, Quendresa, Quiola, Ramesh, Scott, Tomris, Virpy, Xabi, Xochil, Xunav, Xyla, Youngme, Yulia, Zanarin, Zehra, Zlatina. Die Wetterkarte war also schon divers, bevor behauptet wurde, sie würde es jetzt endlich. Als diese Taufe 1999 eingeführt wurde, waren die ersten Namen: Xabier, Yale und Ziskus. Typisch deutsch? So wie in den vergangenen Jahren Deirdre, Dorcos, Fabiola, Futaba, Lyankju, Norkys, Tarek, Vadjma, Vesna, Xin, Yuki, Zaid, Zarmina, Zekye? Wurde das alles überlesen?

          Was „typisch deutsche Namen“ sind, verläuft sich, wenn man der Namensforschung folgt, ohnehin im unübersichtlichen Bedürfnis nach Individualität. Sind Mia und Milan nicht nur beliebte, sondern auch typisch deutsche Namen? Fast niemand wird mehr Uwe oder Notburga getauft, irgendwann erreicht auch das die Tiefdruckgebiete. Und welche Biographien haben Tete, Elisonia, Luis und Thananont jetzt mal nur von ihren Taufnamen fürs diesjährige Wetter her geschlossen? Die Hoch und Tiefs haben also weder, wie der Verein behauptet, erst jetzt migrantische Namen, wenn sie bald Bartosz und Bozena heißen. Noch wissen wir viel über Diversität, wenn wir sie schon durch Herkunft garantiert sehen. Insofern ist es unpolitisch schön, wenn das erste Tiefdruckgebiet des Jahres Ahmet heißt und die erste Hochdruckzone Antje.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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