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Wetter in China : Die Regierung lässt das Volk im Regen stehen

  • -Aktualisiert am

Das Wetter rächt sich: Novemberlicher Schneesturm in Peking Bild: dpa

Ein ordentliches politisches System verfügt selbstverständlich über die Möglichkeit, Regen in seinem Sinne zu regulieren. Das Pekinger Wetterveränderungsamt allerdings hat sich gerade blamiert. Obwohl zu Obamas Besuch das Wetter tiptop in Ordnung war.

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          Das Wetter wird immer politischer in Peking. Der Himmel ist von einem geradezu unglaublichen Blau, die Luft ist kalt und klar, man riecht jeden Baum, der noch etwas Laub trägt, am Wegesrand, und auf den Dächern liegt Schnee, ganz rein und weiß und unschuldig. „Kaiserwetter“ hätte man im alten Deutschland dazu gesagt und sich nichts weiter dabei gedacht. In Peking dagegen gibt es ein Gerücht. Kann dieses ungewohnt schöne Wetter denn Zufall sein, da in ebendiesen Tagen der Präsident der Vereinigten Staaten die Stadt besucht? Hat da nicht der Staat seine Hände im Spiel und dafür gesorgt, dass rechtzeitig zu dem symbolisch-diplomatischen Spitzentermin das Klima gut ist? Die Obama-Variante ist eine der vielen Erklärungen, die für die ungewohnt starken Schneefälle der letzten Wochen in der chinesischen Hauptstadt im Umlauf sind.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Interessant ist an diesem Gerücht nicht sein Inhalt, der ja aller Wahrscheinlichkeit nach Unsinn ist (in Schanghai wenigstens traf Obama bei strömendem Regen ein). Interessant ist, dass man in der chinesischen Öffentlichkeit ganz selbstverständlich damit zu rechnen scheint, dass das Wetter keine höhere Gewalt ist, sondern eine Regierungsmaßnahme wie jede andere. Gleich ob es regnet, schneit oder ob die Sonne scheint: Wenn man in Peking übers Wetter spricht, nimmt man es nicht einfach als Natur hin, sondern erwägt die Möglichkeit, dass es von der Regierung stammt, und man diskutiert deren Motive. Schuld daran ist eine Regierungsinstitution namens „Wetterveränderungsamt“, die in den letzten Jahren verstärkt die Verantwortung für alle möglichen Wechselfälle des Himmels übernimmt, am prominentesten bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, als sie dafür gesorgt haben will, dass die über der Stadt lastenden Gewitterwolken sich nicht entluden.

          Ein gewaltiges Chaos

          Im Westen bezweifelt man entweder die wissenschaftliche Grundlage solcher Aspirationen (von „Luftgespinsten“ schrieb der Fernseh-Meteorologe Jörg Kachelmann gerade), oder man gruselt sich vor den kosmischen Ausmaßen, die der chinesische Herrschaftswille mittlerweile angenommen habe. In Peking beginnt die Wetterbeeinflussung unterdessen als Bewusstseinstatsache ihre politischen Folgen zu zeitigen. Als es nach der letzten Oktoberwoche, in der die Temperaturen fast zwanzig Grad erreicht hatten, am 1. November, einem Sonntag, völlig überraschend heftig schneite und die Stadt wie verzaubert aussah, gab die Chefin des Pekinger Amts, Zhang Qian, der chinesischen Presseagentur eine Erklärung: Man habe wegen der Dürre der vorausgegangenen Wochen am Vorabend 186 Dosen von Silberjodid in die Wolken geschossen und dadurch den wegen des Temperatursturzes erwarteten Schneefall um sechzehn Millionen Tonnen vermehrt.

          Doch das Amt sah sich getäuscht, sollte es mit einer allgemeinen Popularität seines Bekenntnisses gerechnet haben. Denn wie es eigentlich zu erwarten gewesen war, verursachten die Schneefälle im Straßen- wie im Luftverkehr ein gewaltiges Chaos. Ein rasch sich steigernder Unmut über Behinderungen und Verspätungen verpuffte jetzt nicht mehr im Seufzen über das Schicksal, sondern mündete direkt in der Kritik an der Regierung. Im Internet war das Wetter plötzlich ein Riesenthema. Manche meldeten wie im Westen grundsätzliche ökologische Bedenken an und argwöhnten: „Die Natur wird sich rächen.“ Konkret wurde befürchtet, dass die ungewohnte Menge an Streumitteln viele der Pekinger Straßen- und Brückenkonstruktionen beschädigen könnte.

          Beim nächsten großen Schneefall dieses Monats bekannte sich nur noch ein anonym bleibender untergeordneter Beamter der Behörde zum Eingriff, beim dritten schwieg das Amt. Zwei gegensätzliche Vorschläge werden von den erbosten Kritikern jetzt gemacht. Die einen fordern, dass man die Öffentlichkeit frühzeitig vor geplanten Wettermanipulationen benachrichtigt. Die anderen meinen, die Wettermacher sollten gar nicht mehr über ihre Arbeit plaudern: „Wenn es regnet, dann regnet es, und damit Schluss.“

          Fünfzig Milliarden Kubikmetern Regen im Elfjahresplan

          Doch es ist zweifelhaft, ob eine solche Rückkehr in die Naivität noch möglich ist. Seit 1958 experimentiert China mit künstlich vermehrtem Regen, nachdem Amerika solche Versuche schon in den vierziger Jahren angestellt hatte. Das Agrarland, für das Missernten existenzbedrohende Krisen darstellen, hoffte, mit der Technik die Dürre ebenso wie Hagel und Sandstürme wirksam bekämpfen zu können. Heute sind die Erwartungen bescheidener. Man könne die Niederschläge allenfalls um zehn bis dreizehn Prozent vermehren, hat die Vorsteherin des Pekinger Büros einmal zu Protokoll gegeben; und wenn die meteorologischen Voraussetzungen nicht gegeben seien, könne es das Amt so wenig regnen wie nicht regnen lassen. Auch andere staatliche Meteorologen stimmen dem westlichen Einwand zu, dass sich die Wirksamkeit der Eingriffe empirisch schwer belegen lasse, da man nicht den Gegenbeweis führen könne, wie viel es ohne die Manipulation geregnet hätte.

          Dennoch ist der Versuch China zurzeit mehr als 32.000 Angestellte wert, die in den bisher mehr als dreißig Provinz- und Stadtämtern arbeiten. Laut Angaben der meteorologischen Behörde Chinas sind insgesamt 4991 spezielle Raketenwerfer im Einsatz. Bis zum nächsten Jahr sollen die dezentralen Institutionen durch eine nationale Behörde koordiniert werden. Im laufenden Elfjahresplan ist die Produktion von fünfzig Milliarden Kubikmetern Regen jährlich vorgesehen. Zudem hat das Amt inzwischen bei mehreren Gelegenheiten erklärt, auch um politischer Ziele willen zu arbeiten: letztes Jahr, um bei der Eröffnung der Olympischen Spiele, dieses Jahr, um für die Parade zum Sechzigsten der Volksrepublik gutes Wetter herzustellen. Seither werden die meteorologischen Abteilungen der Kommunistischen Partei mit einem weiteren Risiko ihrer Naturbeherrschung konfrontiert: Spätestens jetzt, da das Wetter zu einer Maßnahme der Politik geworden ist, ist es auch ein Gegenstand der politischen Kritik.

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