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Westernhagen : Asphalt ist anderswo

  • -Aktualisiert am

Westernhagen: Ein Altstar im Designerdreck Bild: Wea Records / Dieter Eickelpoth

Westernhagens neues Album „In den Wahnsinn“ sollte den 53-jährigen zurück auf die Straße führen. Angekommen ist er dort nicht.

          „Mit 18 rannt' ich in Düsseldorf rum, war Sänger in 'ner Rock 'n' Roll Band“, sang Marius Müller-Westernhagen im Jahre 1978. „Meine Mutter nahm mir das immer krumm, ich sollt' was Seriöses werden.“ Das war Pubertätsrock, aber schon mit Blick nach vorne: „Jetzt sitz' ich hier, bin etabliert, und schreibe auf teurem Papier, 'n Lied über meine Vergangenheit, damit ich den Frust verlier. Ich möcht' zurück auf die Straße, möcht' wieder singen - nicht schön, sondern geil und laut.“

          Das ist lange her, und viel hat sich verändert. Geblieben ist dem Sänger die Sehnsucht: Auch mit seinem aktuellen Album „In den Wahnsinn“ will Westernhagen wieder zurück auf die Straße. Aber so einfach geht das nicht.

          Neue Freunde

          Früher, als überhaupt alles besser war, nannten ihn alle einfach Marius, und Marius war einer von uns. Seine Konzerte wurden von niedlichen Feierabend-Proleten besucht, und der zerrissene Typ auf der Bühne gab den Hallodri. Man traf sich unter Freunden zu Marius-Abenden, an denen man die alten Platten hörte und darüber sprach, ob man ihn nicht selbst einmal zu einem solchen Abend einladen sollte.

          Westernhagen: „In den Wahnsinn” (Cover)

          Das ist lange her, die Marius-Abende wurden seltener, und Marius hieß auch nicht mehr Marius, sondern einfach nur noch Westernhagen. Gerhard Schröder und Matthias Sammer zählten nun zu seinen Freunden, er bekam das Bundesverdienstkreuz, trug schicke Boss-Anzüge auf Bühnen so groß wie ein Fußballfeld und machte Reime wie „wir pflegen unsere Depression / das ist die Lage der Nation.“

          Lästige Damen

          Westernhagen war sehr erfolgreich, in den 90ern sogar der Bestseller schlechthin in Deutschland, vor Genesis und Phil Collins. Es folgten Stadion-Tourneen mit 200.000 Watt und 100.000 Zuschauern, die Gold- und Platinauszeichnungen seiner Schallplatten waren gar nicht mehr zu zählen. Ganz Deutschland schien zu einer einzigen Westernhagen-Fangemeinde geworden zu sein. Nur auf den Marius-Abenden wurden immer noch die alten Platten gespielt. Und der Super-Star fühlte, wie er jetzt in einem großen Interview bekannte, eine gewisse Leere in sich.

          Westernhagen begann über seine Ehre als Rock 'n' Roller nachzudenken. Irgendwie war er nicht mehr zufrieden mit sich. Es ging ihm zu gut. Ältere Damen, erzählte der Sänger, sprechen ihn auf der Strasse an und loben ihn für seine schöne Musik. Es musste etwas geschehen. Und es geschah „In den Wahnsinn“. Das Album sollte ein Neuanfang werden, ein Weg zurück in die Zukunft des Rock 'n' Roll.

          Kein Straßenbelag

          „Ist es das“, fragt der Altrocker im letzten Songs seines mittlerweile 20. Albums. Ob es das ist, fragt sich auch erwartungsvolle Marius-Fan von einst. Die Latte hat der Meister hoch gelegt. Und ist darunter her gesprungen. Womöglich hat Westernhagen bei der sanften Landung nach dem Sprung den Boden seines Aufnahmestudios für echten Asphalt gehalten. Er wähnt sich irgendwie doch angekommen und glaubt an eine radikale Neuerfindung seiner selbst. Tatsächlich bewegt sich Westernhagen auf seinem neuen Album weniger in den Wahnsinn als vielmehr auf altbekannten Spuren.

          Mainstream-Gesäusel mit zumeist banalen, immer wieder bieder-kitschigen Textzeilen wie „so viel Leid auf der Welt / so viel Geld, so viel Geld.“ Musikalisch hat das Album wieder einmal Kirmesqualität. Einfallslose Riffs wie bei den Rolling Stones und die Intonation eines Designer-Rockers. Westernhagen hat noch die Stimme, aber er hat die Pose nicht mehr. Er will ja, aber er weiß nicht mehr wie.

          „In den Wahnsinn“ ist nicht wirklich ein schlechtes Album, es ist sogar eines mit echtem Highlight: „Why Don't You Say Your Name“ ist ein Psychotrip vom Allerfeinsten. Der Song kommt ohne die sonst übliche 9½ - Wochen-Ästhetik aus. Der Dreck ist richtig schmutzig in diesem einen Song. Ein singuläres Meisterwerk allerdings, begleitet von allerhand Durchschnittsware. Die Fans aus Stadionzeiten werden das Album kaufen, wie immer. Und die alten Freunde werden vielleicht auch mal wieder zusammenkommen. Und Marius hören.

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