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Jürgen Kaube (kau)

Werbebann im Saarland : Deckt Rasierwasser eine Lebensnot?

  • -Aktualisiert am

Ob die Bedürfnisse nach Duftkerzen oder dem „Revolution and Chill“-Beauty-Set weiter werblich ansprechbar sind, wird noch zu klären sein. Bild: dpa

Das saarländische Wirtschaftsministerium verbietet Werbung für Waren, die nicht zum alltäglichen Bedarf gehören. Damit läuft das Ministerium sich selbst hinterher. Ihm missfallen die Nebenfolgen der eigenen Entscheidungen.

          2 Min.

          Das saarländische Wirtschaftsministerium hat gerade ein Werbeverbot für sämtliche Waren beschlossen, die nicht zum alltäglichen Bedarf gehören. Zuwiderhandeln soll vom 22. Februar an bis zu 10000 Euro kosten. Aus gesundheitspolitischen Gründen soll nur die Deckung von Grundbedürfnissen noch Einkaufsbewegungen der saarländischen Bevölkerung auslösen. Damit nimmt die Diskussion über Systemrelevanz in der Pandemie endlich Form an. Ministerin Anke Rehlinger (SPD) fasst unter täglichem Bedarf alle Lebensmittel und Drogeriewaren. Essen und Säubern sind demnach systemrelevant, alles andere nicht so sehr. Ob damit allerdings auch die Bedürfnisse nach Weißbier, Tonkabohneneis, Duftkerzen oder dem „Revolution and Chill“-Beauty-Set weiter werblich ansprechbar sind, nur weil das alles als Lebensmittel oder Drogerieware zum Verkauf steht, wird noch von einer eigenen Abteilung des Ministeriums zu klären sein.

          Überhaupt kommen philosophische Fragen auf: Deckt Rasierwasser eine Lebensnot? Kann der Mensch ohne Säulenbohrmaschine existieren? Die Familie ohne Aromazerstäuber? Hinter dem Werbebann steckt diesseits von Antworten darauf die Hypothese, Sonderangebote außerhalb des täglichen Bedarfs führten zu zusätzlicher Mobilität. Interessante Völkerkunde: Saarländer kaufen also nicht so ein, dass sie durch Blick in den Kühlschrank, das Bad und die Werbung schauen, was sie grundbedürflich zu brauchen glauben, um dann loszuziehen. Nein, sie kaufen erst, was sie dringend brauchen, um danach festzustellen, was ihnen die Werbung anbietet, und gehen noch einmal raus.

          Bemerkenswert unsolidarisch auch der Kapitalismus im Saarland: Es wird Werbung für Waren geschaltet, die Konkurrenten wegen Verkaufsverbot gerade nicht anbieten können. Allgemein menschlich erklärbar ist hingegen die saarländische Wirtschaftspolitik. Denn tatsächlich läuft das Ministerium mit seinem Verbot sich selbst hinterher. Es missfallen ihm die Nebenfolgen der eigenen Entscheidungen. Ein Kaufhaus in Saarlouis, dem man alles bis auf die Feinkostabteilung geschlossen hat, hatte sich über die Erlaubnis für Firmen mit einem klaren Schwerpunkt auf Lebensmitteln beklagt, auch alle anderen Sortimente verkaufen zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde vom Ministerium ebenfalls mit einer Mobilitätsreduktion begründet. Es sei besser, nur in einen Laden statt in fünf zu gehen. Blumen und Kreissägen also sollen sie bei Aldi, Lidl, Globus und Cie. verkaufen. Nur wenn sie gerade Blumen und Kreissägen im Sonderangebot haben, sollen sie es jetzt nicht mehr sagen dürfen.

          Man hört, im Ministerium werde gerade an einem saarländischen Internet gearbeitet, damit das alles auch durchgesetzt werden kann.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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