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Jüdische Ikone Hanna Szenes : Die Fallschirmspringerin

  • -Aktualisiert am

Hannah Szenes und ihr Bruder Giora 1944, kurz bevor sie zu ihrer tödlichen Mission aufbricht. Auf der Rückseite des Fotos schreibt sie: „Siehe, wie gut und wie angenehm es für Geschwister ist, in Einvernehmen zu leben.“ Bild: F.A.Z.

Hannah Szenes’ tragische Geschichte kennt in Israel jedes Kind. Als nationale Ikone gefeiert, wurde sie auf ihre zionistische Rolle reduziert. Zu ihrem hundertsten Geburtstag gibt es eine spektakuläre Aktion.

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          An diesem Sonntag startet die israelische Armee in Europa eine erinnerungspolitisch aufgeladene spektakuläre Aktion. Hundertfünfzig israelische Soldaten werden mit zwei Hercules-Maschinen der Luftwaffe nach Slowenien geflogen. Am nächsten Tag werden hundert von ihnen gemeinsam mit slowenischen, kroatischen, ungarischen und britischen Soldaten per Fallschirm abgesetzt, um sich auf die Spuren jüdischer Kriegshelden und europäischer Partisanen zu begeben. Auch Orte der Judenvernichtung werden sie aufsuchen. Bei den gewürdigten jüdischen Helden handelt es sich um 33 Männer und zwei Frauen aus Palästina, die 1944 von der britischen Armee für einen heiklen Einsatz in Europa ausgebildet wurden. 27 von ihnen gingen nach einer Fallschirmlandung in Jugoslawien auf geheime Aufklärungsmission, bei der sie sich auch dem Partisanenkampf gegen die Nationalsozialisten und deren Verbündete anzuschließen hatten. Sieben Mitglieder der Gruppe wurden an unterschiedlichen Orten gefasst und umgebracht.

          Unter den in Israel als Nationalhelden verehrten „Fallschirmspringern des Jischuw“ ragt besonders die Figur der Hannah Szenes (1921 bis 1944) heraus. Ihr Geburtstag, der sich an diesem Samstag zum 100. Mal jährt, ist denn auch der kalendarische Anlass für die fünftägige multinationale Gedenkaktion der Militärs, die mit einer Zeremonie am ehemaligen Grab der legendären Fallschirmspringerin auf dem jüdischen Kozma-Friedhof in Budapest ihren Abschluss findet. Der Name dieser Aktion, „Glanz des Himmels“, ist Hannah Szenes’ Gedicht „Der Gang nach Caesarea“ entnommen, einem von zwei Gedichten, die nach ihrem tragischen Tod vertont wurden und in Israel wie in zionistischen Diasporakreisen ihren Ruhm auch als Dichterin etablierten.

          Das Schreiben war ihr in die Wiege gelegt

          Israelische Schüler kennen es aus Schoa-Gedenkzeremonien: „Mein Gott, Mein Gott, dass niemals ende / Der Sand und das Meer, / Das Rauschen des Wassers, / Der Glanz des Himmels, / Das Gebet des Menschen“. Die Verse, die als Ausdruck ewiger Verbundenheit mit dem Land Israel verstanden werden, waren im November 1942 entstanden, als Hannah Szenes den unweit von Caesarea gelegenen Kibbuz Sdot Yam mit aufbaute. Der in Budapest geborenen und in einem ungarisch-jüdischen bürgerlichen Elternhaus aufgewachsenen Hannah war das Schreiben in die Wiege gelegt. Von dem frühverstorbenen Vater, dem Kinderbuchautor und Dramatiker Béla Szenes, nachhaltig inspiriert, begann sie mit dreizehn Jahren Tagebuch zu schreiben. Als sie 1939 Ungarn, wo der Antisemitismus zur Staatsdoktrin wurde, in Richtung Palästina verließ, wurden der jungen Frau das Tagebuch, die Briefe an die Mutter Katharina und den Bruder Giora wie auch das Gedichteschreiben zum Refugium.

          Auf diese Weise brachte die Einwanderin auch ihre Zweifel an dem mit großen Herausforderungen verbundenen neuen Lebensweg zum Ausdruck – dem häufig frustrierenden Studium an einer landwirtschaftlichen Mädchenschule im Moschaw Nahalal und der mehrjährigen, oft körperlich schweren Arbeit im Kibbuz Sdot Yam, die sie 1943 gegen den freiwilligen Dienst in der britischen Armee eintauschte. Mitte März 1944 als Aufklärungsoffizierin über dem damaligen nördlichen Jugoslawien mit dem Fallschirm abgesetzt, passierte Szenes drei Monate später mit einem Funksender im Gepäck heimlich die Grenze zu Ungarn. Dort wurde sie gleich gefasst, nach Budapest gebracht und der Geheimpolizei übergeben.

          Trotz mehrmonatiger Internierung und Folter sowie der Festnahme der Mutter, die ins gleiche Gefängnis verbracht wurde, gab sie dem Druck der Verhörer nicht nach. Als ihr wegen Landesverrats der Prozess gemacht wurde, wehrte sie sich gegen den Vorwurf. Das Angebot, das drohende Todesurteil durch ein Geständnis abzuwenden, lehnte sie ab. Am 7. November 1944 wurde Hannah Szenes durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Um die „Fallschirmspringer des Jischuw“ bildete sich in der jüdischen Gemeinde in Palästina ein Heldenmythos, in dessen Zentrum von Beginn an Szenes stand, die vom zionistischen Establishment zu einer nationalen Ikone erhoben wurde. Die nachhaltige Reduzierung auf die Rolle der überzeugten Zionistin und aufopferungsbereiten Kriegsheldin wurde in Israel erst in den Neunzigerjahren Gegenstand kritischer Reflexion. Die israelische Historikerin Judith Tydor Baumel (später Baumel-Schwartz) nahm 1996 den Prozess der Mythenbildung genauer unter die Lupe, mit dem sie sich später auch im Hinblick auf die gesamte Gruppe der Fallschirmspringer befasste.

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