https://www.faz.net/-gqz-9xmef

Wer von Corona profitiert : Krisengewinner

  • -Aktualisiert am

Die Digitalkonzerne werden in der Corona-Krise noch mächtiger. Bild: AFP

In der Corona-Krise werden einige Konzerne noch mächtiger. Es sind diejenigen, die im digitalen Leben den Ton angeben. Was hält sie jetzt noch auf?

          2 Min.

          In Großbritannien, so berichtet der „Guardian“, denken Bestatter inzwischen darüber nach, Beerdigungen auf Facebook zu streamen, was den Vorteil hätte, dass sich in Corona-Zeiten keine Gemeinden von Trauernden physisch versammeln müssten, um einen letzten Blick auf den Sarg oder die Urne ihres Verstorbenen zu werfen. Dieser Vorschlag wäre noch vor wenigen Tagen wohl von vielen als pietätlos oder zumindest ziemlich schräg abgetan worden, inzwischen wirkt er regelrecht vernünftig und scheint ein würdevolleres letztes Geleit zu versprechen als Isolation bis zum bittersten Ende.

          Er führt aber auch auf besonders schonungslose Weise vor Augen, wer die größten Gewinner der Pandemie sein werden: die großen amerikanischen Netzkonzerne. Sie betreiben die medialen Plattformen, über die nun der Löwenanteil der Ersatzhandlungen für die risikoreich gewordenen Interaktionen aus der Nähe abgewickelt werden.

          Alle Geschäfte bis auf wenige sind geschlossen? Bei Amazon glühen die Drähte. Auf der Suche nach Informationen über Corona? Google weist den Weg zu den Inhalten anderer. Langeweile in der Quarantäne und des hiesigen Fernsehens müde? Serien, Filme und Clips bei Netflix, Amazon Prime und Youtube trösten, und zwar in einem Ausmaß, dass der Schweizer Bundesrat darüber nachdenkt, Videostreaming-Plattformen zu sperren, weil die Netzüberlastung drohe. Besuche sind nicht mehr möglich, Feiern abgesagt? Videotelefonate und Streams auf Skype und Facebook müssen herhalten. Und auf Instagram und anderen Social-Media-Diensten geht das Sehen und Gesehenwerden weiter, das in der Realität zunehmend ausfällt.

          Je kleiner, lokaler und stärker auf das reale Zusammenkommen von Menschen angewiesen ein Unternehmen, desto bedrohter ist es jetzt in seiner Existenz. So viel zum vielbeschworenen „Think global, act local“. Ja, die Digitalisierung, wie sie heute aussieht, ist ein Segen, sie ist aber auch ein Fluch – wie die Globalisierung, wie überhaupt alles im Leben. Und wir leben nun einmal nicht in einem Paralleluniversum, in dem – phantasieren wir mal vor uns hin – die Garagenjungs im Silicon Valley auf ihren Ideen sitzengeblieben sind, die Deutsche Bundespost niemals privatisiert wurde und im staatseigenen Ratter-ratter-D-Netz Sendelizenzen an öffentlich-rechtliche und privatrechtliche Anbieter verteilt werden zur Freude des Bundespostministers.

          Ist ja auch gut so, dass es nicht so ist. Große Krisen aber, lehrt ein Blick in die Geschichte, schieben mit Vorliebe schon in Bewegung gekommene tektonische Verrückungen im Weltgefüge an, allem restaurativem Festhaltenwollen zum Trotz. Deshalb muss man nicht gleich die Hände in den Schoß legen, sondern kann über ein, zwei Sachen nachdenken. Warum es sich zum Beispiel wirklich lohnt, den großen Internetfirmen Digitalsteuern abzuknöpfen und sie auch sonst in die Pflicht zu nehmen, die ihrem Gewicht entspricht. Und wer weiß, vielleicht erleben wir auf den Plattformen gespiegelt ja auch noch, worauf man schon nicht mehr zu hoffen wagte: die Entzauberung der Populisten angesichts einer Bedrohung, die sich um hohle Phrasen und Twittergewitter kein bisschen schert.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spionage-Kumpan? Ein Foto des Huawei-Logos in der chinesischen Provinz Guangdong

          Papua-Neuguinea : Baute Huawei im Pazifik ein Eingangstor für Spionage?

          In einem vom chinesischen Technologiekonzern Huawei eingerichteten Datenzentrum der Regierung in Papua-Neuguinea gab es offenbar eklatante Sicherheitslücken. Fachleute in Australien gehen davon aus, dass das Absicht war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.