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An Beobachtungsgenauigkeit und Analysefähigkeit war er unter zeitgenössischen Sprachliebhabern unerreicht: Dieter E. Zimmer. Bild: Hergen Schimpf/Rowohlt Verlag

Nachruf auf Dieter E. Zimmer : Wer so viel weiß, muss wahrlich tief tauchen können

Sprache war seine Leidenschaft, Nabokov sein Fixstern: Zum Tod des umwerfend vielseitigen Publizisten und Übersetzers Dieter E. Zimmer

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          An der Bezeichnung „Wissenschaftsjournalist“ stören sich fast alle, die über Dieter E. Zimmer schreiben, aber wir haben nun einmal nichts Besseres, und das Ungenügen spricht eher für ihn: Wenn einer uns erklären kann, was es mit Wolfskindern auf sich hat und Zwillingsforschung, mit Aggressionstheorien und der Batteriehaltung der Hühner, dann muss er was draufhaben, besonders dann, wenn er eigentlich Feuilletonist und Literaturkritiker war. Er selbst erzählte nicht ganz ohne Bitterkeit, nach seinem Abschied 1977 vom Feuilleton der „Zeit“, zum Schluss in der Funktion des Feuilletonchefs, habe man ihn dort, in der Kultur, „nicht mehr schreiben lassen“. Vergangene Kämpfe. Für die „Zeit“ allerdings schrieb er weiterhin, vierzig Jahre insgesamt, und es waren die langen, glänzend recherchierten Untersuchungen, die ihn dann zum Wissenschaftsjournalisten machten. Kulturfern – nicht im Feuilleton – publizierte er auch seine neuesten Sachen über Gabriel García Márquez, dessen Werk er bestens kannte, und seine über Jahrzehnte hinweg betriebenen Studien zur Veränderung der deutschen Sprache.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Geboren 1934 in Pankow, hatte Zimmer in Berlin, Genf und den Vereinigten Staaten studiert, und seine Bücherliste der frühen Jahre zeigt weit pendelnde Interessen – Kulturkritik, Freud, dann das Tierwohl, auch ein Band Lyrik sowie Übersetzungen von Joyce, Borges, Nathanael West und anderen.

          Klarheit und Klugheit

          Dann das Riesenprojekt, das er gut dreißig Jahre lang neben sich herwälzte und das sein Vergnügen und sein Blitzableiter wurde: die Herausgabe der Gesammelten Werke von Vladimir Nabokov bei Rowohlt in 24 fein gebundenen Bänden, ein Monument nicht nur für den russischen Titanen, sondern für die Editionsgeschichte selbst. Zimmer übersetzte, revidierte ältere Übertragungen, kommentierte und versah mit Anmerkungen: lebendig, akribisch und immer engagiert. „Lolita“, so schrieb er über Nabokovs Meisterwerk, „trat in die literarische Welt sehr abrupt und vernehmlich ein: mit dem, was man hinterher genüsslich einen Skandal nennt.“

          Die herausragenden Bände dieser Edition haben Kommentare, die so viel wiegen wie ein eigenes Buch. Als Liebhaberei veröffentlichte Zimmer einen Bildband über Nabokovs Schmetterlinge – wer seinem Idol bis dorthin folgt, muss es ernst meinen. Bücher insgesamt: mehr als zwanzig. Seine immer noch aktive Website lohnt den Besuch.

          Bloß kein Neuerungsblödsinn

          Zimmers Stil verband Klarheit, Klugheit und Kürze. In der Sache durfte man mit ihm streiten. Ganz sicher irrte er sich, als er sagte, an der Rechtschreibreform hätten viele ihren „allgemeinen politischen Unmut“ ausgelassen, wo das Wesentliche etwas anderes gewesen wäre: zu erkennen, dass viele die allerbesten Gründe hatten, gegen ein inkonsistentes Reformmonstrum die Stimme zu erheben. Aber noch Zimmers Irrtümer verdienten Aufmerksamkeit.

          An Beobachtungsgenauigkeit und Analysefähigkeit war er unter zeitgenössischen Sprachliebhabern unerreicht – offen genug für Neues, um die Folgen der technischen Umwälzung für die Sprache früh zu erkennen, konservativ genug, um sich gegen Schlamperei und Neuerungsblödsinn zu stemmen, obwohl er wusste, dass gegen dergleichen am Ende kein Kraut gewachsen ist. Schon am 19. Juni ist der große Publizist und Sprachliebhaber Dieter E. Zimmer in Berlin gestorben.

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