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Bettelbriefe : Alles von Schnorr und Konsorten

Mit Bettelbriefen reich gedeckter Tisch: bei Frau Herder zu Hause Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

400 Überweisungsformulare in dreieinhalb Jahren: Das Gefühl, mildtätig zu sein, verliert seine Köstlichkeit, wenn Bettelbriefe täglich den Briefkasten verstopfen. Welcher Filter hält solche unerwünschte nichtelektronische Post fern?

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          Frau Herder möchte Menschen helfen, denen es weitaus schlechter geht als ihr. Der neunzig Jahre alten Dame geht es nach eigenem Bekunden und äußerem Anschein ziemlich gut. Sie bezieht die Pension ihres verstorbenen Mannes - er war Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart - und wohnt in einer ansehnlichen „Seniorenresidenz“ in der Nähe von Frankfurt. Da sie naturgemäß nicht alle bedürftigen Menschen dieser Welt unterstützen kann, trifft sie eine Auswahl: Sie spendet für die Kriegsgräberfürsorge, weil ihr Bruder im Krieg verschollen ist, für die Krebsforschung, weil ihr Mann an dieser Krankheit starb, und für das Diakonische Werk, weil es in ihrer baden-württembergischen Heimat viel Gutes wirkt.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Kurzum: Sie gibt ihr Geld meist dorthin, wo sie die Hilfsbedürftigkeit aus eigener Anschauung kennt. Mehr als dreißig Wohltätigkeitsorganisationen glaubten aber offenbar, Frau Herders Spenden allein durch die Frequenz ihrer Bittbriefe dorthin lenken zu können, wo sie das Geld gerne hätten: auf ihr eigenes Konto. Das Resultat dieses Glaubens, der sich schon bald für die meisten als Irrglauben entpuppte, ist ein Karton, gefüllt mit 400 Überweisungsformularen, die Frau Herder in den vergangenen dreieinhalb Jahren gesammelt hat. Eine vollständige handschriftliche Aufstellung sandte sie dieser Zeitung zu.

          Immer noch mehr Post

          Bekannte und weniger bekannte Wohltätigkeitsorganisationen vom Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland bis zum Bundesverband Rettungshunde befinden sich unter den Absendern. Von vielen dieser Organisationen hatte Frau Herder noch nie zuvor gehört, geschweige denn, dass sie ihnen je auch nur einen Cent gespendet hätte. Durchschnittlich zweimal in der Woche hat sie derartige Appelle an ihre Mitmenschlichkeit im Briefkasten. Das ärgert sie und hat ihr die Lust am Spenden gründlich verdorben. Wie gelangten Hilfsorganisationen, mit denen Frau Herder bisher in keinerlei Beziehung stand, an ihre Adresse? Und warum schicken ihr andere, denen sie schon regelmäßig spendet, immer noch mehr Post?

          Frau Herder weiß auf diese Fragen keine Antwort, dafür aber der Deutsche Dialogmarketingverband, ein Zusammenschluss von Werbeunternehmen, der früher Direktmarketingverband hieß. Dass Frau Herder mit Unmengen ungebetener Post behelligt wird, liege schlichtweg daran, dass der Datenschutz in Deutschland so gut funktioniere. So lautet die sophistische Quintessenz aus folgendem Beispiel, das sich auf einer Internetseite des Verbandes findet: Um ein „Mailing“, wir sagen der Verständlichkeit halber „eine adressierte Werbesendung“ zu verschicken, muss ein Unternehmen oder in Frau Herders Fall eine Wohltätigkeitsorganisation an Adressen von Personen aus der jeweiligen „Zielgruppe“ kommen. „Zum Beispiel sind die Leser eines Wirtschaftsmagazins in der Regel Männer mittleren Alters, die gerne Golf spielen und BMW oder Mercedes fahren.“

          Ein verräterisches Wort

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