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Wer schreibt am besten über Sex? : Der große Unterschied

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Schreiben Frauen in der Literatur wirklich besser über Sex als Männer? Entscheiden Sie selbst! Ein Rätsel in vierzehn Folgen.

          10 Min.

          Kürzlich behauptete der englische Schriftsteller Martin Amis auf dem Hay-Festival, einem der größten Literaturfestivals Großbritanniens, dass Frauen besser über Sex schreiben könnten als Männer. Männer, sagte er, fühlten sich am Schreibtisch gerne omnipotent und seien besonders gut darin, beim Schreiben ihre sexuellen Versangensängste zu verdrängen. Frauen hätten das Problem nicht. Sie seien deshalb aufrichtiger. Aber stimmt das überhaupt, fragte schon der „Guardian“ seine Leser? Über Sex zu schreiben ist in der Literatur sicher das Allerschwerste. Wer den Ton trifft, gehört zu den Besten. Wie sieht es unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart aus? Entscheiden Sie selbst! Gelingt es Ihnen, zu erkennen, welche der folgenden Szenen von einem Mann und welche von einer Frau geschrieben ist? Und welche finden Sie besser?

          1 „Christian zog die Decke von Josefa, obwohl es kalt war im Zimmer, strich mit der Hand langsam von der Schulter bis zu den Füßen, betrachtete sie lange. Josefa fror. Sie zog Christian wie eine Decke über sich. Einen Augenblick lagen sie, ohne sich zu rühren. Dann spürte Josefa die Wärme, die sich von ihrem Schoß über die Brust und den Hals ausbreitete. Sie überließ sich den Wellen, auf denen ihr Körper auf und nieder schwamm. Die Augen schließen. Dunkel. Ein Tintenfisch hält mich in den Armen und treibt mit mir auf dem Ozean. Von einer Welle zur nächsten. Er hält mich fest, damit ich nicht ertrinke. Er hält meinen Mund zu, damit ich kein Wasser schlucke. Halt dich fest, sagt er und taucht mit mir durch die riesige Welle. Er drückt mir die Luft ab mit den Armen. Schwimme, sagt er und lässt mich los. Nur an einem seiner Arme hänge ich noch und gehe nicht unter. Aus dem Kopf des Tintenfisches wachsen Flügel. Jetzt fliegen wir. Wir fliegen dicht über dem Wasser, und die Wellen klatschen gegen unsere Bäuche. Meine Arme sind weiße weiche Schläuche mit Saugnäpfen an den Innenseiten. Ich habe viele Arme. Ich bin ein Tintenfisch.“

          2 „Als es dann losging, war es ganz leicht. Ich ging zu ihr, stellte meinen Kaffeebecher auf den Schreibtisch ab und kam ihr dabei sehr nahe. Ich strich ihr das Haar hinters Ohr und küsste sie auf die Wange. Sie senkte den Kopf ein wenig und schloss die Augen. Ich legte ihr meine Hand an die andere Wange und küsste sie noch einmal, diesmal näher zum Mund hin. Sie drehte sich leicht zu mir. Ich küsste sie auf den Mund. Sie hob den Kopf. Ich küsste sie wieder auf den Mund, und wieder. Sie öffnete die Lippen etwas, und ich schob meine Zunge dazwischen. Ich hörte sie durch die Nase atmen. Dann legte sie mir eine Hand in den Nacken. In der anderen hielt sie immer noch die Kaffeetasse. Ich nahm sie ihr ab und stellte sie auf den Schreibtisch. Sie stieß sich vom Schreibtisch ab und drängte sich gegen mich. Ich fuhr mit einer Hand über ihren Rücken. Dann setzten wir kurz ab, und sie sah mich an. Ihre Augen waren ein bisschen rot. Dann küsste sie mich sehr sanft. Ich zog ihr den Angorapulli aus. Dann küsste ich sie sehr sanft. Ich fuhr ihr mit der Kuppe meines Zeigefingers die Nase entlang, über die Lippen und das Kinn, den Hals hinunter über den Ausschnitt und über die Bluse zwischen ihren Brüsten hinunter bis zum Bauch. Da legte ich meine Hand hin. Sie zog mir das Hemd aus dem Bund, streichelte über meinen Rücken. Ich zog ihr die Bluse aus dem Rock und streichelte ihren Bauch. Dann knöpfte ich ihr die Bluse von unten nach oben auf. Sie trug einen weißen BH mit einer kleinen rosafarbenen Blume zwischen den Körbchen. Ich küsste sie wieder, eine Hand in ihrem Nacken, ihren Haaransatz streichelnd. Dann legte ich eine Hand ganz leicht auf einen Busen. Sie atmete ein. Ich legte meine Hand wieder auf ihren Rücken und suchte den Verschluss des Büstenhalters. Ich bekam ihn ziemlich schnell auf. Ich streifte ihr die Bluse von den Schultern und auch die Träger des BHs. Ich zog meinen Pullover und mein Hemd aus. Ich umarmte sie. Dann hatten wir Sex.“

          3 Dann legen wir uns nebeneinander auf sein Bett, während draußen viele kleine freundliche Menschen zur Arbeit gehen oder Creamcheese-Bagel essen. Kurz bevor ich einschlafe, sagt er: ,Dreh dich mal um, ich will dir was zeigen.’ Und als ich mich umdrehe, legt er einfach seinen Arm um mich, in dieser forschen Bankiersmanie, die man mithin in Filmen sieht, und dann schlafe ich ein, und als ich zwischenzeitlich mal kurz aufwache, lege ich zur Abwechslung meinen Arm um ihn, und dann schlafe ich wieder ein. Das Ganze endet damit, dass ich irgendwann seinen Kopf zwischen den Beinen habe und mich vor lauter Wonne schreiend von rechts nach links wälze und meine Hände in seine auf dem Bett abgestützten Ellbogen kralle.“

          4 „Marthas Stimme kratzte, sie zog mit der anderen Hand Helenes Kopf zu sich und drückte ihren Mund auf Helenes Mund. Helene erschrak, sie spürte Marthas Zunge an ihren Lippen, die fordernd war, sie hatte sich nicht vorstellen können, wie rauh und glatt Marthas Zunge auf ihren Lippen sein würde. Es kitzelte, fast musste Helene lachen, doch Marthas Zunge wurde fest und bedrängte Helenes Lippen, als suchte sie etwas. Die Zunge öffnete Helenes Lippen und stieß gegen ihre Zähne, Helene musste atmen, sie wollte Luft holen, sie öffnete die Lippen und schon füllte Marthas Zunge ihren Mund aus, ganz und gar. Helene spürte, wie sich Marthas Zunge in ihren Mund wühlte, sich hin und her bewegte, innen gegen die Wangen stieß und dabei ihre eigene Zunge schob und drängte, Helene dachte an den letzten Spaziergang zur Spree und wie Martha ihr befohlen hatte, einige Schritte hinter ihr und Arthur zu laufen, und bemerkte plötzlich, dass ihre Hand nun allein auf Marthas Brust lag und Marthas Hände sich längst in ihren Haaren bewegten und auf ihrem Rücken.“

          5 „Jetzt aber zitternd, und sie bleibt stehen, er streicht ihr mit den Fingern über den freien Nacken, die beiden Münder treffen sich zu einem Kuss, der länger dauert als alle früheren Küsse, der weiter reicht, noch über Wangen, Stirn und Hals. Ja, es ist alles anders hier, das Flüstern angelernter, aus Filmen und Romanen aufgegriffener Worte facht die zwei nur stärker an, und selbst das ganz gewöhnliche ,Nein’ und ,Ja’ sind von besonderer Bedeutung hier in diesem Augenblick. Die Abgegriffenheit spielt keine Rolle, es kommt den beiden gar nicht in den Sinn, wie oft dieselben Worte, Laute aus den Mündern wie vieler Menschen zu hören gewesen sein müssen schon vorher, vor diesem Moment. Sie, hier im hohen Gras, das Kleid so weit hochgerutscht, dass ihre Unterhose sichtbar wird, und er, noch an den Ärmeln nestelnd, dann seine Arme frei bis über den Ellbogen, und dann liegen die glänzenden Manschettenknöpfe irgendwo, zwischen den trockenen, harten Lehmbrocken vielleicht. Die verlorenen Haarnadeln spielen keine Rolle nun, die Kratzer an den Beinen nicht, von scharfen Rispen, Kieselkanten, und auch das umständliche Öffnen der Knöpfe spielt hier keine Rolle, die Knopfleiste, der umgeknickte, fortgeschobene Blusenkragen, der mühsam aufgehakte Büstenhalter nicht, die Körbchen liegen eingeklemmt unter der Achsel. Die zitternden Hände jetzt wieder, die halboffenen Münder und die Zungen, die unbeholfenen Bewegungen auch nicht, das Nesteln und das Krempeln, das aus dem Ärmel-Fahren und das Netzen nicht. Und Handgelenke, Armbeugen, die Schultern und behaarte Brust, behaarter Bauch und Nabel, zwei Oberschenkel mit dunklen Locken, dazu zwei Oberschenkel nur mit feinem, hellen Haar, kaum sichtbar, nur zu spüren, und Bauch und Brust und Hals und Nabel.“

          6 „Als das Mädchen mit einem Plumps vom Baum sprang, konnte Carsten sein Gesicht nicht erkennen, so dicht stand es vor ihm. Das Gesicht kam noch näher und küsste Carsten auf den Mund. Carsten schloss die Augen, der Mund war warm und schmeckte nach Apfel. Nach Boskop. Und nach Bittermandel. Er sollte den Geschmack nie wieder vergessen. Noch bevor er etwas sagen konnte, küsste der Mund des Mädchens Carstens Mund noch einmal, und so küsste er ihn zurück, und beide sanken in das Gras unter dem Apfelbaum und zogen sich atemlos und mit ungeschickten Fingern die Kleider vom Leib. Carstens Baumnymphe trug nur ein Nachthemd, also war es nicht allzu schwierig, sie davon zu befreien, doch wenn zwei Menschen versuchten, sich auszuziehen, den anderen auszuziehen, ihn dabei aber auch zu küssen und zu keinem Augenblick aus den Armen lassen wollten, dann war es nicht so leicht, zumal beide nicht geübt waren in dem, was sie taten. Aber sie taten es und taten noch viel mehr, und die Erde glühte um sie herum, so dass der Apfelbaum, unter dem sie lagen, obwohl es schon Juni war, zum zweiten Mal anfing, Knospen auszutreiben.“

          7 „Dann standen wir vor der großen Türe. Sie öffnete sich, und wir traten ein. Ich hatte plötzlich Angst, schon zu verwahrlost zu wirken. Ich sagte: ,Ich bin einfach gerne mit dir zusammen.’ Die Wolken, hoch oben über unseren Köpfen, drehten und wälzten sich lasergrün auf uns nieder. Und die Lichtergesichter hoben sich dem entgegen, staunend, im Schwingen und Taumeln. Ich stolperte, stürzte fast, fing mich fast, fing mich. Was wir sehen und denken, dachten, vor dieser Zeit -

          WORLD OF SPATZL

          Dann standen da zwei, in einem Kuss vereint, versunken ineinander, beisammen.

          Und wie auch wir so gingen, wir gingen da dahin . . . -

          Sonne,

          Geschlechtsverzweiflung,

          große Hitze.“

          8 „Eine Blondine mit einem Tigerrock und ein bärtiger Mann. Sitzen am Couchtisch und trinken Wodka, rote Köpfe, dumme Reden, dumme Wörter, aber Ricarda merkt es nicht. Wusste vielleicht mal bessere Worte, als sie jung war, gelesen hatte und von ihrem Leben träumte. Die Blondine auf einmal nackig, der Bärtige mit offener Hose, fangen an zu bumsen. Und Harry fasst die Blondine an. Ricarda daneben glotzt. Dann ist sie dabei, und wie vier sehr fette Robben paaren sie sich ohne Zärtlichkeit, mit viel Spucke, die schlecht riecht, und Schwänzen, die nicht gut riechen und besoffen. Rülpsen. Bumsen. Dann mit Sperma am Bein runter geht Ricarda ins Bad, steht am Waschbecken, sieht ihr Gesicht, das niemandem gehören will, und Tränen da runter, schmieren unbeholfen aufgetragene Schminke ab, schwarze Bäche, weil klar ist, dass nie mehr etwas Großes kommen wird.“

          9  „Sie fuhr mit dem Finger in meinen Bauchnabel, sie streichelte meinen Bauch, presste ihre Brüste zusammen und ließ die Hand eine Weile auf ihrer Hüfte ruhen. Als sie meinen Schwanz in die Hand nahm, fuhr ich ihr zwischen die Beine. Eine Weile verharrten wir so, aber bald gingen wir ins große Zimmer und zogen uns aus. Ich zog mich ganz aus, sie behielt das Unterhemd an, und wir knieten uns - einander zugewandt - aufs Bett und streichelten uns gegenseitig weiter. Nie vorher, geschweige denn in den letzten Monaten, waren wir uns so nah gewesen. Wir waren uns näher, als wenn wir miteinander geschlafen hätten, die Hand am Geschlecht des anderen war wie ein Versprechen, das man sofort erfüllt, wie eine Verbindung, die nie mehr unterbrochen werden kann.“

          10 „Er spürte, wie sich in der unteren Mitte Wärme sammelte. Sie floss förmlich zusammen. Die Muskulatur schwoll. Sein Geschlechtsteil wollte auf sich aufmerksam machen. Außer ihm sollte nichts mehr spürbar sein. Der angenehme Schmerz des übersteifen Teils. Endlich wieder einmal. Ihm war nach Fortpflanzung. Anfallartig. Drastisch buchstabierte sich in ihm die durch nichts gehemmte Fortpflanzungssucht. Die Wörter droschen auf ihn ein. Beate, kleiderlos und fortpflanzungssüchtig wie er. Das, von beiden empfunden, als Steigerung dessen, was zwischen ihnen, mit ihnen stattfinden konnte. Schluss mit dem grotesken Verhinderungs- und Verhütungszirkus. Scheiden schlämmen. In das schwarzrote Dunkel ihrer Scheidenschlucht den taghellen milchigen Samen träufen, bis von allen Rändern und Wänden nur noch die lichten Samenschwaden flossen, die Schlucht überschwemmten und schlämmten. Nicht Koitieren macht traurig, sondern der Betrug, das Sichnichtfortpflanzendürfen.“

          11 „Und dann bist du nackt, und du gehst durch das Zimmer, und ich sehe, wie sich dein Körper bewegt, den Umriss deiner Schultern, den Umriss deiner Hüften, und du gehst ganz einfach, ich sehe, dass deine Brüste leicht schwingen bei jedem Schritt, ich sehe deine schmalen Arme, ich habe sie immer als schmal empfunden, ich sehe deine angenehm breiten Hüften und Oberschenkel, und dann sehe ich deinen Rücken, der glatt ist, und den weichen runden Ansatz des Hinterns, ich würde gern mit dir flüstern, und mein Penis ist steif und zitternd, und ich taste über deinen Köper, was mir wie ein lautloses Flüstern vorkommt, und du bist ganz offen und weich und ich bin ganz offen, und ich merke, wie deine Finger über mich tasten, und du riechst angenehm, und wir bilden seltsame Formen aus Händen und Haaren, weichen gleitenden Schwingungen, einzelnen deutlichen Stellen, die über das Bewusstsein treiben, klar und genau, und niemand schaut zu, es gibt keinen, der noch da ist, da bist du, da bin ich, kein lauerndes aufpassendes Auge, das sich nicht schließt und starr guckt, das ist nur eine öde starre Empfindung, die in einem installiert worden ist, wie ein ständiger Aufpasser, Wächter, aus Worten, Verboten - es gibt keine wirklichen Wächter! Es hat sie niemals wirklich gegeben! - und ich sehe dich weiter, wie ein Flüstern, das ohne Wörter ist, ohne Sprechen - und ich kann dich anfassen ((: nein, das kann ich jetzt nicht!))“

          12 „Dann fühlte er, wie Brittas Körper sich ihm näherte und sich an ihn schmiegte, und es war ihm, als sei jedes Fleckchen seiner Haut, das mit ihrem Körper in Berührung kam, mit festen, zarten Fäden darangebunden. Die Körper wuchsen aneinander. Er antwortete auf ihre Bewegung und tastete nach ihr, und alles, was seine Hand berührte, hob sich ihm entgegen. Dennoch wagte er nicht, sich ganz zu ihr herumzudrehen und sie ganz und gar zu umarmen, bis Britta ihm ins Ohr flüsterte - alle Nackenhaare stellten sich ihm auf bei diesem Hauch: ,Es stört ihn nicht, er möchte, dass ich glücklich bin. Er hat nichts dagegen. Bei dir schon gar nicht, wir haben darüber gesprochen.’ Sie übernahm die Regie. Aufgeweckt sollte werden Wittekind offenbar auch wieder nicht. So verbogen, mit so wenig äußerer Bewegung und Aktion, so schnell und erfahren wurde die Liebe vielleicht nicht einmal in einem von der ganzen Sippe bewohnten Mongolenzelt gemacht.“

          13 „Der Computer rauscht, Marie wagt es nicht, auf die Bildfläche zu schauen, sie hat Angst vor dem unheimlichen und grauen Mariegesicht. Der Korkteppich knistert, weil der Künstler jetzt auf sie zukommt. Marie drückt ihren Rücken gegen die Lehne des Stuhls und starrt unverwandt in die Künstleraugen, als könne sie so das Schreckliche abwenden. Der Künstler legt seine rechte Hand an Maries Wange, die Hand ist kühl und weich. Marie macht ganz kurz die Augen zu. Dann ist sein Gesicht direkt vor ihrem, Marie hört auf zu atmen, und er küsst sie auf den Mund. Marie ist sehr nüchtern. Er ist es wohl auch. Auf dem Bildschirm des Computers erscheint der Kuss, zeitverzögert und lautlos, graue Wiederholung eines Augenblicks. Marie schaut jetzt doch hin, am Gesicht, an den geschlossenen Augen des Künstlers vorbei auf den Bildschirm, auf dem sich sein Gesicht an ihres schmiegt, ihr Gesicht verdrängt, sie die Augen öffnet, in Schwarzweiß.

          Etwas dreht sich in Maries Kopf. Der Künstler atmet, drängt sich an Marie heran, drängt seine Hand um ihren Nacken, ihren Rücken hinunter, unter ihr Kleid. Marie ist konzentriert. Anstatt sich selbst, wie sonst immer, von oben aus einer Art Vogelperspektive zu sehen, sieht sie auf den Bildschirm, auf diese schweigende, fremde Verknotung zweier Menschen, und das ist seltsam. Im Zimmer ist es warm. Über dem Schreibtisch hängen Schichten von kleinen Papieren, der Künstler irgendwo im Süden, ein blondes pausbäckiges Kind auf dem Arm. Es ist schade, denkt Marie, dass man die Dinge immer nur einmal zum ersten Mal sieht.

          Der Künstler zieht Marie vom Stuhl hinunter auf den Boden. Marie hat irgendwann nur noch ihre hochhackigen Stiefel an, und auch diese nicht mehr. Auf der Bildfläche des Computers ist eine Bücherwand zu sehen, die Rückenlehne eines leeren Stuhls, ein Fenster, draußen ein dunkler Himmel.“

          14 „Der Mann führt sie ins Bad, redet beruhigend auf sie ein und bückt sie über denWannenrand. Er greift in ihrem Gebüsch herum, damit er endlich einsteigen kann und nicht auf die Nacht verwiesen werden muss. Ihr Laub, ihre Zweige biegt er auseinander. Die Fragmente des Kleides werden abgerissen. Haar fällt in den Abfluss. Fest wird ihr auf den Hintern geschlagen, die Spannung dieses Portals soll endlich nachlassen, damit die Menge brüllend und schiebend ins Buffet stürzen kann, dieser liebe Verbund von Konsumenten und Lebensmittelkonzernen.“

          Zusammengestellt von Julia Encke

          Die Lösung

          Halt! Nicht gleich alle Auflösungen anschauen! Zunächst geht es ja mal um die Frage, ob ein Mann oder eine Frau die Stelle geschrieben hat. Hier also erst mal die Teillösung. ,A’ heißt Frau, ,B’ heißt Mann: 1A, 2B, 3A, 4A, 5B, 6A, 7B, 8A, 9B, 10B, 11B, 12B, 13A, 14B. Und jetzt die komplette Lösung zum Nachschlagen und Weiterlesen:

          1 Monika Maron: „Flugasche“, S. 113

          2 Frank Goosen: „Liegen lernen“, S. 125

          3 Helene Hegemann: „Axolotl Roadkill“, S. 179

          4 Julia Franck: „Die Mittagsfrau“, S. 59

          5 Marcel Beyer: „Spione“, S. 50

          6 Katharina Hagena: „Der Geschmack von Apfelkernen“, S. 69f.

          7 Rainald Goetz: „Rave“, S. 90f.

          8 Sibylle Berg: „Sex“, S. 103

          9 Maxim Biller: „Esra“, S. 70

          10 Martin Walser: „Der Augenblick der Liebe“, S. 141

          11 Rolf Dieter Brinkmann: „Rom, Blicke“, S. 369

          12 Martin Mosebach: „Der Mond und das Mädchen“, S. 133

          13 Judith Hermann: „Sommerhaus, später“, S. 164f.

          14 Elfriede Jelinek: „Lust“, S. 24f.

          Ehrlich gesagt wollten wir die Lösung noch gar nicht verraten, sondern Sie ein wenig mit dieser Frage alleine lassen, aber dann dachten wir, so lange will doch keiner warten, und lösen es also auf. Es gibt aber trotzdem etwas zu gewinnen.

          Wenn Sie Ihr Ergebnis, also Ihr echtes, ehrliches Ergebnis per Mail an Literaturraetsel@faz.de oder per Post an die Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin schicken, dann haben Sie gute Chancen auf ein signiertes Exemplar von Marcel Reich-Ranickis „Für alle Fragen offen“ (DVA) mit den besten Antworten der letzten Jahre. Wir verlosen unter allen Einsendern zehn Exemplare.

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