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: Wer hat Angst vor starken Frauen?

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Fanny Ardant präsentierte in Taormina ihr Regiedebüt, das archaische Familiendrama "Asche und Blut"; Catherine Deneuve konnte man in André Téchinés Wettbewerbsbeitrag "La fille du RER" erleben - als Mutter eines Mädchens, das fälschlicherweise behauptet, Opfer eines antisemitischen Gewaltaktes geworden zu sein. Eindrucksvoll verkörpert wird diese junge Frau von Émilie Dequenne, die vor zehn Jahren erstmals mit der Titelrolle in dem Cannes-Sieger "Rosetta" Furore machte und jetzt in Taormina den Preis für die beste schauspielerische Leistung bekam. Als bester Film wurde das melancholische, tief bewegende Drama "Die lange Nacht" ausgezeichnet. Es zeigt politische Gefangene in Syrien, die nach jahrelanger Haft auf internationalen Druck freigelassen werden und nun versuchen, ins normale Leben zurückzukehren und ihre Würde wiederzufinden. Regisseur Hatem Ali gestand, dass er den syrischen Zensurbehörden ein falsches Drehbuch vorgelegt hatte, weshalb der Film in seinem Heimatland auf absehbare Zeit nicht offiziell vorgeführt werden dürfte.

Dass dieser Hauptpreis des Wettbewerbs nicht etwa von der Jury um die Regisseure Laurent Cantet ("Die Klasse") und Ari Folman ("Waltz With Bashir") überreicht wurde, sondern durch den Bürgermeister von Taormina, spricht Bände. Denn längst ist das Filmfest zu einem Politikum geworden, bei dem es mehr um Machtkämpfe und persönliche Eitelkeiten als um künstlerische Entscheidungen geht. In der Kommission, die über die Festspielleitung und die Vergabe der Gelder entscheidet, sitzt neben dem Bürgermeister auch der Präsident der Provinz Messina. Zwischen den beiden Politikern, die einander spinnefeind sind, droht Deborah Young zerrieben zu werden.

Als Frau und Nichtitalienerin hat sie ohnehin in der sizilianischen Macho-Gesellschaft keinen leichten Stand. Einen Knüppel nach dem anderen warf man ihr zwischen die Beine, zuletzt strich man ihr kurzerhand den gesamten Werbeetat. So hätte das Festival diesmal fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, wäre da nicht der von Young initiierte "Campus Taormina" gewesen. Knapp sechshundert Studenten der Universitäten von Palermo, Catania und Messina waren der Einladung gefolgt, neben den Filmvorführungen auch Workshops und Meisterklassen zu besuchen - etwa mit dem Cutter Michel Lesczylowski, der unter anderem Tarkowskis letzten Film "Opfer" geschnitten hat, oder mit dem legendären Kostümdesigner Emanuel Ungaro.

Passenderweise wurden die Festspiele komplettiert durch eine Filmreihe und eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wer hat Angst vor starken Frauen?" Zu deren Teilnehmern zählte neben Jessica Lange auch Piera Detassis, die neue Direktorin des Filmfests von Rom, das Kriegsbeil zwischen Taormina und der italienischen Hauptstadt scheint also begraben. Detassis sagte, ihr großes Vorbild sei stets die Regie-Pionierin Ida Lupino gewesen, die ein simples Rezept für das Befehligen einer Heerschar von Männern hatte: "Man muss sich einfach so verhalten, als wäre man ihre Mutter!"

Dass auch von einer Festivalleiterin enorme Stärke gefordert ist, wurde spätestens auf der Pressekonferenz am Abschlusstag deutlich. Auf die Frage, ob Deborah Young, die in Taormina bisher immer nur Einjahresverträge erhalten hatte, ihre erfolgreiche Arbeit in den kommenden Jahren fortsetzen dürfe, antwortete der Bürgermeister sardonisch: "Es gibt diverse gute Kandidaten für das Amt, die wir sorgfältig prüfen werden. Der Kontrakt mit Frau Young läuft bis morgen, also werden wir sie heute Abend zur Preisverleihung noch einmal ins Teatro Greco lassen." Die neben ihm sitzende Nochdirektorin verriet mit süßsaurem Lächeln, dass sie das nicht sonderlich witzig fand. MARCO SCHMIDT

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