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Royal Shakespeare Company : Wer darf Richard III. spielen?

Lars Eidinger als Richard III., Berliner Schaubühne 2015 Bild: dpa

Wer darf die böseste aller Shakespeare-Figuren spielen? Und wer darf es nicht? Warum nicht nur körperlich beeinträchtigte Menschen körperlich beeinträchtigte Figuren darstellen dürfen.

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          Als Gregory Peck 1956 in John Hustons Verfilmung von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ den einbeinigen Kapitän Ahab spielte, sah man ihn mit einem Holzbein grimmig über das Deck des Walfangschiffs „Pequod“ stapfen. Ein Jahr später stand er zusammen mit Lauren Bacall in Vincente Minellis Screwball Comedy „Designing Woman“ vor der Kamera, und siehe da, als smarter Sportreporter Mike Hagen hatte der Schauspieler plötzlich wieder beide Beine. Wie war das möglich? Bis heute blieb der Vorgang ungeklärt, denn niemand interessierte sich dafür. Ein Bein oder zwei Beine, in Hollywood ist das nicht so wichtig. Aber Stratford-upon-Avon ist nicht Hollywood. In Stratford-upon-Avon dürfte sich einer wie Gregory Peck heute vermutlich gar nicht mehr blicken lassen. In Stratford-upon-Avon genügt schon ein vorgetäuschter Hinkefuß, wie Shake­speares Richard III. ihn hatte, um in Ungnade zu fallen.

          Der falsche Buckel

          Dieser Richard, der letzte Herrscher aus dem Haus Plantagenet, ist bei Shakespeare der hässlichste, der abstoßendste König aller Zeiten. Aber alle großen Schauspieler wollen ihn spielen. Laurence Olivier war Richard III., Al Pacino hat ihn dargestellt, Fritz Kortner, Lars Eidinger und Gert Voss. Sie haben sich künstliche Buckel umgeschnallt, eine Krücke benutzt, einen Klumpfuß simuliert, ließen einen Arm schlaff und kraftlos herunterhängen und stolzierten scheelen Blickes und mit verschlagener Miene über die Bühne. Keiner von ihnen hätte die Rolle spielen dürfen, wenn es nach dem derzeitigen Intendanten der Royal Shake­speare Company gegangen wäre. Kein körperlich gesunder Schauspieler, so Gregory Doran, der die Leitung der Company demnächst abgeben wird, dürfe eine Figur spielen, die von der Natur so sehr benachteiligt wurde wie Richard.

          Mit anderen Worten: Nur ein körperlich beeinträchtigter oder eingeschränkter Mensch darf Dorans Ansicht nach eine Dramen­figur darstellen, die sich selbst so beschreibt: „Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt in diese Welt des Atmens, halb kaum fertig gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, dass Hunde bellen, hink’ ich wo vorbei.“ Über die charakterlichen Voraussetzungen der künftigen Richard-Darsteller verliert Doran leider kein Wort. Richard ist bösartig, hinterhältig, brutal, verlogen, mutig, machtgierig, entschlossen und von infamer Intelligenz. Wer könnte da mithalten? Man darf von Schauspielern auch nicht zu viel verlangen. Es reicht, wenn sie so tun, als ob. Was wäre sonst mit Prospero oder den Hexen im „Macbeth“? Vielleicht hat es sich ja noch nicht bis Stratford-upon-Avon herumgesprochen, aber es gibt weder Zauberer noch Hexen. Was es jedoch gibt, sind „Die dreibeinigen Herrscher“. So lautet der Titel einer Science-Fiction-Serie der BBC. Leider ohne Gregory Peck.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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