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Wenn Sprache holpert : Treibt unserm Sprechen nicht das Menschliche aus!

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Nicht stottern, nicht stolpern und auch nicht zu schnell: Tagesschau-Sprecher Karl-Heinz Köpcke im Jahr 1971. Bild: dpa

Denn Sprache wird immer da interessant, wo sie Brüche aufweist. Eine Interpretation.

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          Der Titel dieses durch Kathrin Rögglas Artikel in der F.A.Z. angeregten Aufsatzes ist nicht nur eine Paraphrase auf den berühmten Essay „Altern als Problem für Künstler“ von Gottfried Benn, sondern er zeigt auch eine Unverträglichkeit an: das Übersenden wichtiger Nachrichten mit dem Defekt einer gebrochenen Stimme zu verbinden. In dem Film „The King’s Speech“ aus dem Jahr 2010 ist es die dramatische und leider überreizte Szene, in welcher der stotternde König Georg VI. vom Buckingham-Palast aus den Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg erklärt. Diese genauestens vorformulierte Erklärung wird gestisch von seinem Sprachtherapeuten Lionel Logue begleitet, der im Hintergrund eine rhythmische Bewegung vollführt, die seine Rede in Fluss halten soll. Am Anfang noch etwas stockend, gelingt ihm dann doch eine fließende Sprechmelodie, die ihren emotionalisierenden Dienst tut: Das Volk ist ergriffen.

          Das hohe Pathos dieser Szene, ihre lange Einstellungszeit und Bedeutungsaufladung, ist hier nichts als eine Gegenfigur zum Skandal. Denn stellen wir uns vor, Georg hätte, wie es sein Naturell eigentlich forderte, gestottert. Wer hätte dann an ein siegreiches Ende des Krieges geglaubt? Die Überschneidung von Macht und Symptom ist auf symbolischer Ebene also nicht zu vermitteln. Geltungsanspruch und Unsterblichkeitsphantasien gehören zusammen und ergänzen einander. Ein Politiker im Wahlkampf – wie im Falle von Hillary Clinton geschehen – kann sich nicht einmal einen kurzen Anfall von Schwäche erlauben, um nicht sofort dem Verdacht zu erliegen, nicht leistungsfähig (im Sinne von unsterblich) zu sein. Jede Geste wird zum Ausdruck für ein politisches Ganzes.

          Das moderne Ideal der Maschine

          In dieser gnadenlosen Verwertungslogik der Zeichen wird jeder Wahlkampf gemanagt, jede Werbung geschaltet, jede Nachricht plaziert, und es ist immer eine Technik der Überredung und simulierten Kohärenz, die darüber hinwegtäuscht, dass es den Riss gibt, den Abgrund, die Negation und den Tod. Andererseits, von seinem authentischen Gegenteil her betrachtet (und auch das wäre mir durchaus glaubwürdig erschienen): Was wäre, wenn König Georg VI. das Entsetzliche seiner Nachricht in zitternder, gebrochener, stockender Stimme verkündet hätte, daran nicht richtig, nicht nachvollziehbar, nicht verständlich gewesen? Das lässt die Frage zu, inwiefern Symptome nicht auch als Metaphern des Widerstands gelesen werden können, als Selbstanzeigen jenes „I would prefer not to“, wie sie Bartleby bei Herman Melville so insistent vor sich hersagt, bis alle erschöpft sind.

          In archaischen Gesellschaften wurden diverse Krankheiten oder Missbildungen für heilig erklärt. Ein Produkt der Moderne ist dann, in der Maschine das Ideal an Funktionalität zu entdecken und die vergesellschafteten Körper daraufhin abzurichten. Der Stallknecht Hippolyte in Flauberts „Madame Bovary“ fühlt sich in keiner Weise krank oder benachteiligt dadurch, dass er über einen Klumpfuß verfügt. Im Gegenteil: „Dieses Bein schien sogar kräftiger als das andere. Durch fortgesetzte Beanspruchung hatte es gewissermaßen moralische Eigenschaften der Ausdauer und der Energie angenommen, und wenn man Hippolyte eine schwere Arbeit gab, so stützte er sich vorzugsweise darauf.“

          Eine fließende Sprechmelodie, die ihren emotionalisierenden Dienst tut: Colin Firth als König George VI mit Geoffrey Rush als Sprachtrainer im Film „The King’s Speech“.
          Eine fließende Sprechmelodie, die ihren emotionalisierenden Dienst tut: Colin Firth als König George VI mit Geoffrey Rush als Sprachtrainer im Film „The King’s Speech“. : Bild: The Weinstein Company

          Dem aber kommt das ästhetische Empfinden des Apothekers Homais in die Quere, der von einer neuen Methode zur Behandlung von Klumpfüßen las, die er nun gleich ausprobieren will – eine exzellente Parabel auf ein Leiden, das allein dadurch entsteht, es als solches qualifiziert zu haben. Nun wird Hippolyte bei seiner Eitelkeit gepackt – also dort angesprochen, wo er bereits situiert ist –, um sich diesem scheußlichen Eingriff dann tatsächlich auch auszusetzen.

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