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Unterwegs in der Ukraine : Der Soldat und die Braut

Alle wünschen den Liebenden die schönste, friedlichste und kinderreichste Zukunft der Welt. Die Anfangsbuchstaben ihrer Namen stehen in Flammen. Bild: Anastasiia Topor

Er ist Soldat einer ukrainischen Spezialeinheit. Seine Braut hat er im Internet kennengelernt. Jetzt wird geheiratet, und alle Kameraden sind dabei. Eine Reise in ein geteiltes Land

          Diese Liebesgeschichte geht so: Ein junger Soldat an der Front. Ein Tag beinahe ohne Beschuss. Er schaut in sein Telefon, schaut sich die Fotos der Freunde im Internet an. Ihnen schreibt er kaum noch, denn sie schreiben immer dasselbe: dass er zurückkommen solle, weg von der Front. Er sieht das Bild einer Bekannten eines Bekannten und schreibt ihr. Er sitzt im Krieg, sie sitzt im Frieden. Dann Liebe.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Nichts daran war Romantik“, sagt der junge Soldat. Er ist 21, sieht aus wie ein Popstar, wie Justin Bieber, aber in jung. „Ich wollte da einfach mit jemandem sprechen, mit wem, war mir egal.“ Morgen heiratet er das Mädchen, mit dem er an der Front im Internet sprach. Heute sitzt er in Kropywnyzkyj, einer trägen, gemütlichen Stadt in der Zentralukraine. Hier ist die Basis des 3. Regiments der ukrainischen Spezialeinheit Speznas. Seit vier Jahren ist Krieg in der Ostukraine, und weil alle Kriege sich gleichen, gehen auch in diesem Krieg besonders viele Menschen in Kirchen, um Ringe zu tauschen. Im Frieden gibt es weniger Hochzeiten. So war das immer und überall und wird immer so sein.

          Seine Einsätze sind verdeckte Einsätze

          Der Name des jungen Soldaten darf hier nicht stehen, sein Gesicht dürfen Bilder nicht zeigen. Denn die Einsätze der Speznas sind verdeckte Einsätze. Es geht um die Beobachtung der Separatisten im Osten, um ihre Bewegung, um ihre Technik. Kriegssachen, die für Menschen im Frieden nach Fiktion, nach Kriegsfilmen klingen. Doch eine Stadt wie Kropywnyzkyj kommt in solchen Filmen nicht vor, sie ist zu friedlich. Liegt fünf Stunden Zugfahrt von Kiew entfernt.

          Auf dem Basisgelände des 3. Regiments der ukrainischen Spezialeinheit Speznas

          Im Zug einen Tag vor dem Treffen mit dem jungen Soldaten und zwei Tage vor seiner Hochzeit, eine andere Liebesgeschichte, eine unglückliche: Die alten blauen Waggons haben seit Stunden schon keine Lust, Fahrt aufzunehmen, schleppen sich müde durch die ukrainische Nacht. Ein ohrenzerreißender Lärm kommt aus dem Durchgangsraum zwischen zwei Wagen. Es klingt so, als ob jemand dort einem Kater auf seinen Schwanz tritt – und nach vier, fünf Minuten noch einmal drauf tritt und immer so weiter. Doch da ist kein Kater, nur ein Mann, von dem die Schreie kommen. Er ist vielleicht Ende zwanzig, sitzt auf dem Boden, in der einen Hand Bier, in der anderen die Zigarette – im Durchgangsraum ist Rauchen offiziell nicht erlaubt, aber üblich. Es ist Wowa, ein Veteran. Doch ein echtes Gespräch mit ihm geht nicht. Wowa sagt immer wieder und nur, dass er Wowa und Veteran ist. „Meine Liebe“, sagt er dann doch noch; mal zur Zigarette, mal zu der Flasche, und danach schreit er wieder. Auf einmal drückt sich jemand in den Durchgangsraum rein. Ein kleinerer Mann mit dünnen Armen und alten, erfahrenen Augen. Anscheinend ist er Wowas Freund, aufmerksam und vorsichtig wie ein Chirurg nimmt er ihm das Bier aus der Hand, zündet sich auch eine an und sagt: „Alles ist in Ordnung.“ Wowa schließt seine Augen.

          „Entschuldigung, der hatte heute zu viel“, sagt der erfahrene Dünne zu mir, schaut auf die Packung der Zigaretten, die meine Hand hält, sieht die deutschen Buchstaben, die auf dem Warnhinweis stehen, und fragt: „Tourist? Oder was machst du hier?“

          Nein, Journalist. Ich fahre zur Hochzeit eines Soldaten, will darüber schreiben, sage ich.

          „Über was?“

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