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Unterwegs in der Ukraine : Der Soldat und die Braut

„Was ist passiert?“, fragt der Tscheche.

„Du weißt doch, mein ganzes Leben ist Blut“, sagt der junge Soldat, und die Männer, die links stehen, lachen. Die, die rechts stehen, die alten Freunde, lachen nicht mit.

Dann steigen alle in einen Bus ein, der zur Braut fährt. Dort muss der junge Soldat sie „auslösen“. So ungefähr heißt der Brauch, der verlangt, dass der Vermählte beweist, wie gut er seine Frau kennt. Er muss auf Fragen antworten: die Ringgröße wissen, die Lieblingsfarbe und mehr. Erst danach darf er sie sehen. Der junge Soldat kennt sie gut, das zeigt er mit seinen Antworten. Nach zwanzig Minuten darf er zu ihr. Sie ist sanft und ist schlank, hat ein kindliches kleines Gesicht, nicht mal das viel zu dunkle Makeup lässt es erwachsen aussehen. Sie heißt Evgenija, aber alle nennen sie Schenja.

Normales Hochzeitsprogramm. Beinah

Schenja will, dass ihr junger Soldat mit dem Soldat-Sein aufhört. „Das wird er aber nicht“, sagt Oleh, ein Freund aus Drohobycz, während sich die Verliebten jetzt küssen. Sie steigen in ein weißes geschmücktes Auto. Wir in den Bus. Dann Standesamt. Kirche. Tränen. Essen im Restaurant. Normales Hochzeitsprogramm. Beinah. Denn die Sache mit den Hochzeitsaufnahmen ist kompliziert, die dürfen nicht mit Namen im Internet landen. Der kleine Kompakte und der grünäugige Riese weichen jeder Kamera aus. Nur der Tscheche posiert, denn er hört ja bald auf. Was macht er dann?

„Vielleicht gründe ich eine Familie“, sagt er.

„Familie passt besser in ein ziviles Leben“, sagt der Riese: „Meine Frau hat mich im vierten Kriegsjahr verlassen. Länger konnte sie es nicht ertragen. Es ist schwer.“

Der kleine Kompakte nickt, er ist zwar verheiratet, aber seine Frau lebt mit dem Kind Hunderte Kilometer entfernt. Will sie nicht herziehen?

„Nicht mehr“, sagt der Kompakte, mehr will er dazu nicht sagen, will tanzen.

Alle tanzen. Und zwischen den Tänzen halten sie Reden. Alle reden von Liebe und reden von Zukunft, wünschen dem Brautpaar die schönste, kinderreichste und friedlichste Zukunft der Welt. Liebe und Frieden im Krieg – es klingt schief, aber es passt. Weil Menschen sich nach Liebe und Frieden sehnen, und weil es Menschen sind, die Kriege führen.

Vor dem Restaurant wartet der igelhaarige blonde Serjoscha, er fährt mich zum Bahnhof. „Bitte schreib, dass wir hier eure Bundeswehrwesten sehr lieben. Sie retten Leben“, sagt er zum Abschied.

Im Nachtzug ist alles so, wie es auf der Hinfahrt schon war. Nur kein schreiender, bierliebender Wowa im Durchgangsraum zwischen den Wagen. Er muss nicht mehr an die Front. Anders als der junge Soldat. „Bis zum Sieg!“, sagte er auf die Frage, wie lange er Soldat bleiben will. Das war am Tag vor seiner Hochzeit. Vielleicht überredet Schenja ihn irgendwann, aufzuhören. Vielleicht hört der Krieg davor auf. Schließlich gleichen sich alle Kriege, weil sie – nach Monaten oder Jahren oder Jahrzehnten oder auch länger – doch alle enden. So war das immer und überall und wird immer so sein. Dann kommen neue Kriege. Neue Liebesgeschichten. Neue Hochzeiten.

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