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Unterwegs in der Ukraine : Der Soldat und die Braut

Warum ging er?

„Ich bin ein geiziger Mensch, ich mag es nicht, wenn man mir Sachen wegnimmt, mein Land.“ Seine Popstaraugen lächeln, während er spricht. Auch dann, wenn er vom Tod spricht: „Die ersten drei Tage im Krieg saß ich zusammengekauert in irgendeinem Keller, dann erst habe ich verstanden, was der Tod ist. Dass er passieren wird. Ich musste mit ihm Frieden machen, dann ging’s.“

Es hört sich falsch an, dass der junge Mann so was erzählt, hört sich fast an, als ob er die Einsätze mag. Mag er etwa den Krieg?

Sein Blick sagt: Die Frage ist idiotisch. Dann sagt sein Mund: „Ich wollte vor zwei Jahren keinen Fuß mehr in die Kriegszone setzten, verließ das Freiwilligenbataillon. Doch danach kam nichts, keine Arbeit, kein Geld. Aber selbst wenn Arbeit da gewesen wäre, wäre es schwer, nach dem Krieg einfach so irgendetwas zu arbeiten. Da war ein Loch.“

Weggesperrt wie ein wildes Tier

Zwei Wochen war das Loch da, der junge Soldat langweilte sich in Drohobycz, seiner Heimatstadt. Dann der Anruf des dritten Regiments. Die Eliteeinheit, „eine Ehre“. Deshalb ist er jetzt hier in Kropywnyzkyj. Deshalb hat er seine Baldbraut gefunden, denn sie ist die Bekannte eines Speznas-Bekannten. Deshalb muss er jetzt weg. Hochzeitsstress, klar.

Die kleine Alte, die den Kwas verkauft– sie war vor Jahrzehnten sicher atemberaubend, das sieht man noch heute –, macht Pause, zündet sich eine an. Sie hat das Gespräch mitgehört, will auch was sagen, sagt sie. „Unsere Stadt, der friedliche Teil unseres Landes: Das ist ein Zoo. Alles ist schön und gepflegt“, sagt sie und zieht an der Slimline. „Wir schauen nach Osten wie in einen riesigen Käfig, da ist der Krieg, weggesperrt wie ein wildes Tier. Aber meistens essen wir Eis und schauen weg, das Tier interessiert uns kaum noch.“

Ist das gut oder schlecht?

Sie zuckt mit der linken Schulter, die rechte bleibt steif: „Damit wir hier Frieden haben können, brauchen wir diese Jungs, die für uns das Tier bewachen. Sie sterben, damit wir leben.“ Dann erklärt sie, dass prozentual die meisten Soldaten, die die Front tötete, aus der Region um Kropywnyzkyj kämen. Sie sagt es so, als sei das etwas Großes, etwas, worauf sie stolz ist. Vielleicht wird man im Krieg eben roh. Vielleicht werden die, die nicht sterben, trotzdem vernichtet, denke ich und dann an Wowa im Nachtzug. Vor dem Kwas-Stand versammeln sich Frauen mit Kindern. „Ich muss jetzt arbeiten“, sagt die kleine Alte.

Ist Krieg eine Arbeit?

„Arbeit“ nennen auch immer wieder Soldaten das, was sie machen. „Wir haben die Ringe nach der Arbeit zusammen ausgesucht“, sagt ein kleiner, kompakter Freund des jungen Soldaten am Hochzeitsmorgen vor dessen Haus. Der Bräutigam wird drinnen frisiert. Draußen stehen rechts die alten Freunde des jungen Soldaten aus Drohobycz und aus der Zeit, als er kein Soldat war. Links stehen die neuen Freunde, die, die er seit dem Krieg kennt. Sie sind in Zivil, denn Paradeuniformen hat im 3. Regiment noch nicht jeder. „Das Geld fehlt“, sagt einer, der neben dem kleinen Kompakten steht, ein Riese mit stechenden grüngrauen Augen. Ist Krieg eine Arbeit? Der Trauzeuge, er wird „der Tscheche“ genannt, nickt: „Eine schwere Arbeit, deshalb hör’ ich auch auf in zwei Wochen“, sagt er, und in diesem Moment kommt der junge Soldat aus dem Haus. Seine Haare sind nach oben geföhnt. Er trägt einen Verband über zwei Fingern.

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