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Unterwegs in der Ukraine : Der Soldat und die Braut

Über Liebe im Krieg. Weil im Krieg so viele heiraten.

Der Dünne schaut zu Wowa, der schläft, und dann sagt er leise, um seinen Freund nicht zu wecken: „Klar, Krieg bringt die Menschen zum Heiraten. Und danach zur Scheidung. Und später zum Saufen. Siehst du?“ Seine linke Hand streichelt den Kopf des träumenden Wowa. Dann erzählt er von seiner alten Brigade, auch Wowas alter Brigade. Sie meldeten sich freiwillig, ihre Verträge mit der Armee endeten in diesem Frühjahr. „Vier Jahre reichten“, sagt der dünne Betrunkenenfreund. In diesen vier Jahren starben 28 Männer aus seiner Truppe, sieben davon töteten keine Granatsplitter und keine Kugeln, sondern der Wodka. „Rechne das mal in Prozente“, sagt er und reicht mir die Flasche von Wowa: „Ein Schluck?“

Danke, nein. Gute Nacht.

Eine blaue Plane, die alles verrät

Am nächsten Tag schneidet die scharfe Sonne von Kropywnyzkyj Sonnenbrand in die Haut. Die Stadt sieht sehr aufgeräumt aus, ist weit weg von der Front. Dass es überhaupt eine Front gibt in diesem Land, sieht man in dieser Stadt zuerst nicht. Menschen sitzen in Restaurants, spazieren im Park, küssen sich vor den Springbrunnen, handeln um Gurken oder Tomaten an kleinen Ständen, die Gurken und Tomaten verkaufen. Doch da ist eine blaue Plane, die alles verrät, gespannt zwischen Säulen eines übergelb angemalten herrschaftlichen Gebäudes, vielleicht 19. Jahrhundert, vielleicht etwas jünger. Auf der Plane steht „Donezker Nationale Medizinische Universität“.

Der Karawai: Das Brautpaar muss ein Stück von diesem Brot brechen. Der, der das größere Stück abgebrochen hat, wird das Familienoberhaupt.
Der Karawai: Das Brautpaar muss ein Stück von diesem Brot brechen. Der, der das größere Stück abgebrochen hat, wird das Familienoberhaupt. : Bild: priz

„2014 wurde die Universität evakuiert, ist vom Osten zu uns in die Zentralukraine gezogen“, erklärt jetzt Serjoscha, ein Elitesoldat der Speznas. Er gibt gleich eine Führung durch das Basisgelände. Dort alte arme Baracken, feierliche große Gebäude. Alles in Rot. Überall Uniformen. Auch Serjoscha trägt eine, ist Ende dreißig, igelhaarig und blond. Er spricht vom Osten, Geschichten, die sich nach blutigen Filmen anhören, die für ihn Wirklichkeit sind. Am liebsten aber spricht er über die Schutzwesten der Bundeswehr, spricht über sie wie ein Verliebter über seine Geliebte. Dann zeigt er eine, streicht sanft über sie: „Sie ist so gut. Besser als alle! Besser als amerikanische, englische Westen. Einfach am besten.“ Noch eine Liebesgeschichte. Und Hunger. Es geht in die Kantine. Das Essen ist gut. Im Moment essen vielleicht einhundert Soldaten.

Wie groß ist das Regiment?

Serjoscha darf das nicht sagen.

Warum?

„Der Feind“, er macht eine Pause und dann, „schreib: Es sind viele.“

Mal ein paar Monate Front, dann wieder Basis

Das Leben auf dem Basisgelände sieht aus wie Ferienleben. Keine Eile. Ruhe. Sonne. Nur die Rekruten müssen was tun, sie üben Fallschirmlandung, springen von einem Podest, befestigt mit Seilen an Schienen. Die Frauen und Männer dieses Regiments rotieren im Osten. Mal ein paar Monate Front, dann wieder Basis, wieder Front, wieder Basis. Mal kürzer, mal länger.

„Der Anruf, dass man an die Front muss, kann jeden Tag kommen“, sagt jetzt der junge Soldat, der morgen heiraten will. Wir trinken halbkalten Kwas, ein Brotgetränk, vor dem Park gegenüber der Basis. Er erzählt diese Geschichte vom Kennenlernen im Internet an der Front und spricht dann von Liebe mit Worten des Krieges: „Ich fühle mich wie auf einem Minenfeld“, sagt er auf die Frage, ob er aufgeregt ist vor der Hochzeit. Mit 17 ging er in den Krieg, zu einem Freiwilligenbataillon, weil die Armee, die offizielle, keine Minderjährigen nahm.

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