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Wahlkampf-Kommentar : Windstille vor dem Sturm

Martin Schulz rackert sich im Wahlkampf ab Bild: ZB

Für Journalisten kann Wahlkampf nicht wild genug sein. Bislang ist der Parteienwettbewerb zur Bundestagswahl jedoch eher müde. Aber sollte man daraus wirklich schließen, dass die Bürger nicht wissen wollen, was los ist?

          Wie Wahlkämpfe auch laufen, Journalisten kann es nie recht sein. Ist es eine Schlammschlacht und Windmaschine, wie bei der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten, ist es nicht recht, produziert aber Schlagzeilen sonder Zahl und treibt – in Amerika – die Auflagen in die Höhe. Ist es eher lau, wie hierzulande, wird die vermeintliche Windstille beklagt.

          Wobei der Parteienwettbewerb zur Bundestagswahl ja noch gar nicht richtig begonnen hat und es den großen Showdown gar nicht geben kann, wie der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz leidvoll erfahren muss. Welches Thema er auch anpackt, um die Bundeskanzlerin anzugreifen, muss er feststellen, dass es ihn wie ein Bumerang selbst erwischt. Schließlich ist die SPD ebenso an der Regierung wie die Union und kann schlecht auf große Opposition machen, es sei denn, sie bietet mit den sich nach links wendenden Grünen und der ganz außen stehenden Linkspartei eine Rot-Grün-Front an, die alles anders machen will.

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          Wie schlecht das funktioniert, nachdem der Schulz-Hype abgeflaut ist, von den man im Nachhinein den Eindruck haben kann, er habe nur in seiner eigenen Partei und manchen Medien stattgefunden, war am Sonntag bei RTL zu besichtigen. Da hieß es „An einem Tisch mit Martin Schulz“ und es nahmen nur 1,1 Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm Platz, etwa auf demselben Niveau rangierte die „Promi Shopping Queen“ bei Vox mit 1,13 Millionen Zusehern. Während Schulzens Townhall-Meeting lief, kam die Zusammenfassung von „Promi Big Brother“ bei Sat.1 auf ein Publikum von 1,36 Millionen.

          Da scheint auf den ersten Blick der Politikwissenschaftler Jens Hacke recht zu haben, der im Deutschlandfunk darüber staunte, dass sich die Bürger „gerne die Sedative verabreichen lassen, die die Kanzlerin ihnen anbietet“. Es könnte aber auch sein, dass die Bürger gar nicht sediert sind. Vielleicht haben sie die Probleme, die von den Parteien im Wahlkampf umschifft werden, wie etwa die Flüchtlingskrise, gar nicht vergessen und trauen Angela Merkel, die so skandalfrei ist, dass Journalisten schon anfangen, an ihrer Urlaubsgarderobe herumzumäkeln (was bei den Bürgern übrigens auch nicht gut ankommt), mehr zu als ihrem Herausforderer. Und vielleicht haben sie von Luftnummern und vermeintlichen Regenmachern die Nase voll. Wobei man in der journalistischen Klage über die vermeintliche „Windstille“ auch ein Lamento darüber erkennen könnte, dass die Bürger medialer Windkanäle überdrüssig sind.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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