https://www.faz.net/-gqz-a2cdi

Bukowskis 100. Geburtstag : „Bedienen Sie sich aus diesem Schrott“

Charles Bukowski kultivierte sein Säufer-Image. Bild: dpa

Charles Bukowski kultivierte sein Säufer-Image, aber er war ein zäher und gewissenhafter Schriftsteller. Seinen hundertsten Geburtstag hätte er bestimmt nicht erleben wollen.

          1 Min.

          Ich bin am 16. August dieses Jahres achtunddreißig geworden“, schrieb Charles Bukowski 1958 der Redaktion einer kleinen amerikanischen Literaturzeitschrift, die überraschend vier Gedichte von ihm angenommen hatte, „und sehe nicht nur ein gehöriges Stück älter aus, sondern verhalte mich auch so.“

          Fazit: „Für einen angehenden Dichter wirke ich vermutlich schon ziemlich alt.“ Solche Briefe schreibt Bukowski in den nächsten Jahren immer wieder: lange, lustige, unverblümte Selbstbeschreibungen und Mini-Autobiographien – „bedienen Sie sich aus diesem Schrott“ –, in denen er vom Saufen erzählt und der verlorenen Zeit, seinen Anfängen als Dichter, seiner Verachtung für parfümierte Herrenpoesie und immer wieder auch von den zahllosen Jobs, mit denen er sich über Wasser gehalten hat.

          Laut eigenen Angaben hat Bukowski – Taufname: Heinrich Karl – im Schlachthaus gearbeitet, in einer Hundefutterfabrik, als Trucker, Redaktionsbote, Plakatierer, Baumwollpflücker, Tomatenpflücker, Lagerarbeiter, Tankwart und Postbote, und außerdem habe er sich, nun ja, „von Nutten aushalten lassen“. Vier Jahre später, 1964, schreibt er einem Schriftstellerkollegen, er sei auch Tellerwäscher gewesen und Penner und „Kokosnuss-Mann in einer Keksfabrik“, was immer das gewesen sein könnte, außerdem Würfelspieler und Pferdezocker.

          Ganz anders als sein Ruf

          „Gehen Sie nicht auf die Rennbahn“, mahnt er in einem Essay zehn Jahre später, „wenn Sie knapp bei Kasse sind, nicht mit geborgtem Geld, nicht mit dem Geld für die Miete oder fürs Essen.“ Gut, das muss man sich merken. Und trotzdem – oder gerade deswegen – ist ein zäher, gewissenhafter Schriftsteller aus ihm geworden, der in mancherlei Beziehung ganz anders war als der Ruf, der ihm vorauseilte. Denn der Bukowski nach achtunddreißig musste immer schreiben, und besonders seine Briefe, eher kleine Essays, sind feierlich gekrächzte Hymnen auf die Schönheit der Kunst.

          Der spätere Bukowski war auch kein Schlaffi und Herumhänger, obwohl er das Säufer-Image ebenso kultivierte wie die Halbwelt-Aura, in der seine Bücher spielen. Nein, dieser Mann hörte klassische Musik und trank Bier dazu, und auf seine Weise war er viel ernsthafter als andere, die nur so aussahen. Heute wäre der rundheraus erstaunliche Dichter, Erzähler, Briefeschreiber und Biertrinker Charles Bukowski hundert geworden. Das hätte er nie und nimmer gewollt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Berlinale-Jury stellt sich vor Video-Seite öffnen

          Berlin : Berlinale-Jury stellt sich vor

          In Berlin haben sich vier der sechs Mitglieder der Berlinale-Jury vorgestellt. Das Festival findet ab dem 1. März digital für das Fachpublikum statt, im Sommer sollen die Filme dann in Berliner Kinos gezeigt werden.

          Topmeldungen

          Menschen gehen am Sonntag bei Sonnenschein am Rheinufer in Düsseldorf spazieren.

          Vor Beratungen : Öffnen beim Anblick der dritten Welle?

          Deutschland steht vor einer neuen Pandemie-Welle. Die Politik sucht eine Gratwanderung zwischen Vorsicht und Lockerungen. Sind regionale Strategien und Schnelltests die Lösung?
          Einer Ärztin wird am Freitag in der Hauptstadt von Paraguay der russische Impfstoff Sputnik V verabreicht.

          Sputnik V : Einer der gefragtesten Impfstoffe der Welt

          Allein vergangene Woche haben fünf weitere Länder Russlands Corona-Impfstoff zugelassen. Auch ein EU-Land hat das Vakzin schon registriert. War die Skepsis des Westens unangebracht?
          Am Boden und vor dem Absturz: Schalke 04 zerstört sich selbst.

          Selbstzerstörung in Bundesliga : Vergifteter Boden bei Schalke 04

          Die Rauswurforgie ist die jüngste Wendung einer sagenhaften Geschichte der Selbstzerstörung. Dass drei Spieler, die erst kurz im Klub sind, so etwas anzetteln können, zeigt, wie kontaminiert die Schalker Erde ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.