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Blick in amerikanische Zeitschriften : Wenigstens New York wird überleben

  • -Aktualisiert am

Der Sturzflug ist in vollem Gange, da beginnt Amerika schon, über seine Folgen nachzudenken Bild: Snapshot

Was kann die Literatur in der Krise leisten? Sich den allgemeinmenschlichen Fragen zuwenden, die vom Turbokapitalismus hervorgebrachte Welt kritisieren? Vorschläge für eine Systemreform? In amerikanischen Zeitschriften sind derzeit revolutionär klingende Dinge zu lesen.

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          Wenn eine Zeitschrift heutzutage auf dem Titel einen Aufsatz über „Literatur nach dem Crash“ ankündigt, wird kein Leser so schnell vermuten, es könne darin um Thornton Wilder gehen. Sehr klein gedruckt gesteht „The Believer“ den Trick zwar ein, aber es bleibt ein Trick, denn Christopher R. Beha beschäftigt sich mit Wilder, ohne über ihn und den Crash von damals auf den von heute zu sprechen zu kommen.

          Was nicht heißen soll, dass keinerlei Analogien aufscheinen. So erinnert Beha an den marxistischen Kritiker Michael Gold, der in der „New Republic“ Wilder rügte, in seinen historischen Romanen verweigere er sich seinem Land und seiner Zeit. Bis er sein Hitdrama „Our Town“ schrieb, begleitete ihn der Vorwurf, er sei nicht amerikanisch genug. Danach war er vielen zu amerikanisch, um höchsten Literatur- und Theaterruhm ernten zu dürfen.

          Gegen den Zeitgeist

          Wilder, verteidigt ihn nun Beha, habe wohl keine zeitspezifischen Erklärungen geliefert. Und wenn wir, wie es einst Gold tat, glauben wollten, unsere Probleme seien beispiellos, dann hätte uns Wilder in der Tat wenig zu sagen. Doch gerade in ihrer Universalität könnten seine Einsichten jetzt aufschlussreich für uns sein. Behas Plädoyer für eine künstlerische Produktion, die sich vom flüchtigen Zeitgeist nicht einfangen lässt und stattdessen das Allgemeine, insbesondere das allgemein Menschliche, anstrebt, stieße bei Walter Benn Michaels sicher auf taube Ohren.

          Im „Bookforum“ klagt Michaels über die letzten fünfundzwanzig Jahre, die für den amerikanischen Roman eine „traurige Zeit“ gewesen seien, eben weil die besten sich auf „historische Aufräumungsarbeiten“ beschränkt hätten. Wer sich aber, wie etwa Toni Morrison in „Beloved“, laut „New York Times“ dem besten Roman des vergangenen Vierteljahrhunderts, mit den noch andauernden Folgen der Sklaverei beschäftige, komme nicht dazu, die Dominanz der Märkte zu kritisieren.

          Genug der Nabelschau

          Auch über den Holocaust will Michaels nichts mehr lesen, hat genug von selbstzentrierten Memoiren, Familiengeschichten nach Art von Jonathan Franzens „The Corrections“, Erzählungen über die Kinder von Einwanderern. Das alles sind für ihn nur Ablenkungen vom Thema unserer Tage, wie er es ungeniert ideologisch durch eine klassisch linke Brille sieht, nämlich der aus dem Turbokapitalismus hervorgegangenen sozialen Ungleichheit. Brett Easton Ellis' nach wie vor umstrittenen Roman „American Psycho“ preist er darum, weil Ellis den Wertekanon der oberen Mittelklasse problematisiere und ihn nicht, wie Philip Roth und Toni Morrison es vormachten, umschmeichle.

          Rares Lob hat er zudem für die Fernsehsendung „The Wire“ übrig, die von Einrichtungen wie Gewerkschaften, Schulen, politischen Parteien, Gangs erzähle: „Es geht um die Welt, die der Neoliberalismus tatsächlich hervorgebracht hat, und nicht um die Welt, die er nach den Bezeugungen unserer Literatur hervorgebracht haben soll.“

          Konsumistischer Kulturjournalismus

          Um eine viel kleinere Welt, die in den Stürmen des globalen Kapitalismus um ihr Überleben kämpft, bangt David Hajdu in der „Columbia Journalism Review“. „Arts criticism“, der amerikanische Kulturjournalismus, werde auf immer kürzere Beiträge zugeschnitten, schlage immer leichtere Töne an und folge immer kommerzielleren Richtlinien. Die Fragen, die er zu beantworten habe, lauteten: Was sollen wir uns ansehen? Was kaufen? Ist der Film den Preis einer Eintrittskarte wert? Ist das Buch seinen Preis wert? Hajdu führt diese Ausdehnung des Konsumdenkens im Kulturjournalismus auf ein Klima zurück, das von einem hartnäckigen Antiintellektualismus und einer Laissez-faire-Wirtschaft geprägt worden sei.

          Wie es jetzt nach dem Finanzkollaps weitergeht, steht in den Sternen. Während des Booms sind Kulturjournalisten zu Konsumberatern geworden, nach dem Boom fehlt ihnen das Geld, um neue Wege einzuschlagen. Nur das Internet für die Misere verantwortlich zu machen, hält Hajdu für reine Augenwischerei: „Dies ist ein Problem des kulturellen Lebens.“ Viele Redakteure verstünden bereits eine Theater- und Filmkritik als Ergänzung des Marketings. Und der Markt begünstige nun einmal die Vorstellung, dass alles, was von Belang sei, sich selbst finanzieren könne.

          Revolutionäre Töne

          Im „Atlantic“ wird wieder versucht, das ganz große Bild von Amerika nach dem Crash zu entwerfen. Kein Ort, sagt Richard Florida voraus, werde von einer langen, tiefen Rezession unberührt bleiben. Seine gute Nachricht für New York ist, dass die Stadt relativ glimpflich davonkommt. Hongkong, Schanghai, Singapur, Tokio seien gewiss wichtiger als noch vor zwei Jahrzehnten, aber auch in weiteren zwanzig Jahren dürften sie New York und London noch nicht ebenbürtig sein. Das liege vor allem an der Anziehungskraft der beiden Städte und an ihrer Tradition, sich allen neuen Talenten als offen zu erweisen.

          Die „Boston Review“ geht noch etwas weiter und veröffentlicht „kreative Vorschläge“ zur Lösung der Probleme, die der Nation so mächtig zusetzen. Dean Baker vom Center for Economic and Policy Research will nicht länger über mehr oder weniger, sondern über bessere und schlechtere Regeln und Verordnungen diskutieren. Robert Pollin schlägt ein Finanzsystem vor, in dem die Spekulation durch eine Verkehrssteuer gedämpft wird, Ressourcen besser verteilt werden und Transparenz und Rechenschaft vorherrschen. Jeff Madrick rät, nur keine Angst vor Steuererhöhungen und einem größeren Staatsapparat zu haben. Nationen mit einer hohen Steuerrate, so seine Analyse, schnitten insgesamt gut ab, weil Staatsausgaben oft wirtschaftliches Wachstum förderten. Alles Töne, die in amerikanischen Ohren wahrhaft revolutionär klingen müssen.

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