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Wende & Lektüre : Von Zonenkindern und Narben am Todesstreifen

  • Aktualisiert am

Die neue Lust am Erinnern: Güldenes DDR-Revival Bild: dpa

Zum Tag der Deutschen Einheit stellt FAZ.NET stellt drei Romane und drei Sachbücher zur inneren Wiedervereinigung vor.

          2 Min.

          Die Wiedervereinigung liegt zwölf Jahre zurück, Zeit genug für Soziologen und Schriftsteller, sich über Ursachen und Folgen des Mauerfalls klar zu werden: Eine Amerikanerin zieht in ein Dorf im ehemaligen Todesstreifen, ein Soziologe sucht nach den Ursachen der Ostalgie in der DDR-Vergangenheit.

          Inzwischen haben die deutschen Feuilletons aufgehört, weiter auf „den großen Wenderoman“ zu warten. FAZ.NET stellt zum Tag der deutschen Einheit neben drei Sachbüchern drei Romane vor, die den Titel verdient hätten, auch wenn es keiner gemerkt hat.

          Jana Hensel: Zonenkinder

          Für die „Generation Golf“ des Ostens kam die Wende früh genug: Wer 1989 Teenager war, konnte sich vergleichsweise nahtlos in die bundesrepublikanische Gesellschaft eingliedern. Jana Hensel (Jahrgang '76) erinnert sich ohne falsche Sentimentalität an Montagsdemonstrationen und Wende. Scharfsinnig und einfühlsam analysiert sie die Folgen von Anpassung und Eingliederung der „Zonenkinder“.

          Jana Hensel: Zonenkinder, 175 Seiten, Rowohlt 2002, 14,90 EUR

          Daphne Berdahl: Where the World Ended

          Kella, ein Dorf im Eichsfeld, hatte das Pech, genau auf dem Todesstreifen der deutsch-deutschen Grenze zu liegen. Aus Sicherheitsgründen tilgten die DDR-Behörden den Namen des Dorfes von den Landkarten. Der Ort aber blieb bewohnt, ständig bewacht von den Grenzschützern. Die amerikanische Anthropologin Daphne Berdahl hat mit ihrer Familie von 1990 an zwei Jahre lang in Kella gelebt und die Eigenheiten dieser Randbewohner samt Tauschhandel und „Bückwaren“ studiert.

          Daphne Berdahl: Where the World Ended, 294 Seiten, University of California Press, Berkeley, Los Angeles und London 1999, 21,62 EUR

          Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen

          Wolfgang Engler begibt sich auf die Suche nach dem Kern der ostdeutsche Seele und wühlt dazu in Kulturerzeugnissen der DDR: in Spielfilmen, Romanen und Benimmbüchern. Dabei entdeckt er als kulturelle Leitidee des Ostens die der „arbeiterlichen Gesellschaft“. Daraus zieht der Soziologe Rückschlüsse auf die in den letzten Jahren zunehmende Ostalgie.

          Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen, 360 Seiten, Broschur, Aufbau-Verlag, Berlin 2000, 9,50 EUR

          Thomas Brussig: Helden wie wir

          Der Wenderoman als Wendegroteske: In Thomas Brussigs Debüt von 1995 verrät der Ich-Erzähler dem Leser, wie er Kraft seiner Männlichkeit die Öffnung der Mauer erzwang. Natürlich aber erst nach ausführlichen Abschweifungen in seine DDR-Kindheit und Jugend, nach Anekdoten von seiner Ärztin-Mutter, der „Hygiene-Göttin“ und seiner Zeit als Stasi-Lehrling. Hinter der für die Lachmuskeln strapaziösen Satire verbirgt sich eine scharfsinnige Analyse von DDR-Verhältnissen.

          Thomas Brussig: Helden wie wir, 323 Seiten, Broschur, Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 1998, 8,90 EUR

          Ingo Schulze: Simple Storys

          „Roman aus der ostdeutschen Provinz“ nennt sich Ingo Schulzes lose verknüpfte, kunstvoll verschachtelte Geschichtensammlung im Untertitel. Schulze beschreibt Nachwende-Schicksale aus der Nahperspektive mit einer an Raymond Carver geschulten Technik des elliptischen Erzählens.

          Ingo Schulze: Simple Storys, 303 Seiten, Broschur, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999, EUR 9,-

          Wolfgang Hilbig: Das Provisorium

          Der Roman, das wohl wichtigste Werk des diesjährigen Büchnerpreisträgers Joachim Hilbig seit der Wende, ist das Dokument eines poetisch-sprachmächtigen Scheiterns. Erzählt wird von dem Schriftsteller „C.“, der rastlos zwischen Osten und Westen pendelt, ständig auf der Suche nach den Fetzen seiner Identität, die ihm zwischen Konsumgesellschaft und seiner früheren Ost-Existenz als Arbeiter-Dichter zerfallen ist.

          Wolfgang Hilbig: Das Provisorium, 320 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2000, 19,90 EUR

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