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Journalismus und Politik : Der Patriot

Politiker in spe: Roger Köppel. Bild: dpa

Die Verstrickungen zwischen Journalismus und Politik in der „neutralen“ Schweiz: Der „Weltwoche“-Chef Roger Köppel will ins Parlament. In der Alpenrepublik rutscht die Presse momentan nach links und nach rechts.

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          „Putin ist die ,Weltwoche‘ viel zu links“, witzelte Roger Köppel per SMS einmal aus Moskau. Wir hatten ihn ermahnt, sich ein bisschen um das Mitglied von Pussy Riot zu kümmern, das damals ins Straflager gesteckt wurde. Wenn er sie gar in die Schweiz bringe, dürfe sein Übervater Christoph Blocher, der Jahre zuvor aus der Regierung verjagt worden war, wieder Justizminister in Bern werden. Köppel versprach sein Bestes, blieb aber erfolglos. Jetzt hat er einen neuen Auftrag: Er will die Schweiz retten. Im Herbst stellt sich der Eigentümer, Geschäftsführer und Chefredakteur der „Weltwoche“ zur Wahl ins eidgenössische Parlament. Als Vertreter der Schweizerischen Volkspartei.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Vorbilder dafür gibt es viele. Als die Zeitungen in der Schweiz noch links oder rechts waren, ließen sich die Chefredakteure nicht nur bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ gerne in den Nationalrat wählen. Bei vielen Regionalzeitungen war es genauso. Kaum hat Köppel seine Kandidatur bekanntgegeben, werden auch schon das Ende der „Forumszeitungen“ und die Rückkehr zur Parteipresse ausgerufen.

          Alibi-Kolumnisten

          Einen Rechtsrutsch zumindest hat es gegeben. Außer bei der „NZZ“, deren Aktionäre Passivmitglieder der bürgerlichen Freisinnig-Demokratischen Partei sein müssen und bei der die Ernennung von Köppels Gesinnungsfreund und früherem Redakteur Markus Somm aus ideologischen Gründen scheiterte. Somm leitet die zuvor linksliberale „Basler Zeitung“ im Auftrag von Christoph Blocher, dem sie gehört. Konservative Unternehmerkreise verhalfen Köppel zur Übernahme der „Weltwoche“. Er fuhr mit ihr eine scharfe Rechtskurve gegen den Mainstream – hat aber indes genügend gute Rechercheure wie Autoren sowie ein paar Alibi-Kolumnisten, um das Magazin lesenswert zu erhalten.

          Journalistisch gefiel er uns persönlich als Anfänger in der Sportredaktion der „NZZ“ am besten. Köppel hat damals als erster Schweizer den Kulturwandel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die seine Landsleute noch immer als faschistische Stoßtruppe empfanden, beschrieben und Lobeshymnen auf Klinsmann angestimmt. Später war er beim linksliberalen „Tages-Anzeiger“, bei der „Weltwoche“ und eine Zeitlang Chefredakteur von Springers „Welt“, bevor er überraschend Eigentümer der renommierten Schweizer Wochenzeitung wurde.

          Blocher hat ihm vom Einstieg in die Politik abgeraten. Doch der Patriarch der SVP ist ins Alter gekommen. Nur Köppel kann ihn ersetzen – und die Schweiz vielleicht doch noch vor Europa retten. Die Aufregung ist jedenfalls gewaltig. Die Wahl ins Parlament hat er jetzt im Grunde bereits sicher. Und wenn in zwei oder drei Jahren der SVP-Bundesrat Maurer zurücktritt, könnte es Köppel in die Landesregierung schaffen. Mit Spaß oder Ehrgeiz hat das alles für ihn nichts zu tun. Es wäre eine reine Pflichterfüllung – der Mann hat eine Mission. Und zum Glück auch Humor. Im Übrigen ist Köppel mehr liberal als nationalkonservativ und selbst nach heftigen Auseinandersetzungen nicht nachtragend.

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