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Welttag des Buches : Nehmen Sie von dieser Frau ein Buch an?

  • -Aktualisiert am

Unesco-Welttag des Buches: Eine Million Bücher sollen mit Hilfe der Aktion "Lesefreunde" verschenkt werden Bild: dapd

Ganz schön schwierig, in unseren Städten zum Welttag des Buches eine Million Bestseller zu verschenken. Bilanz eines Selbstversuchs mit 30 Gedichtbänden von Mascha Kaléko.

          4 Min.

          Zum Glück regnet es nicht auch noch. Es ist Montagmorgen, und ich stehe mit einer Kiste Bücher unter dem Arm am Schweizer Platz in Frankfurt-Sachsenhausen. Dreißigmal darf ich zum heutigen „Welttag des Buches“ eine Sonderedition von Mascha Kalékos Gedichtband „In meinen Träumen läutet es Sturm“ verschenken, so ruhmreiche wie bewährte lyrische Lebenshilfe für Großstädter. Das dürfte ja nicht so schwer sein, wahrscheinlich bin ich den Stapel in Nullkommanichts los. Da kommt schon ein Passant. „Guten Tag, würden Sie sich über ein Buch freuen?“ Der Mann schaut erschreckt und verwirrt und hebt abwehrend die Hände. „Nein, danke, ich habe keine Zeit zum Lesen.“ Er eilt weiter.

          In Variationen bekomme ich diese Antwort in den nächsten anderthalb Stunden immer wieder zu hören. Die Ausflüchte reichen vom brutal ehrlichen „Ich lese nicht“ oder „Ich lese keine Bücher“ oder „Ich lese schon lange nicht mehr“ über „Meine Augen sind zu schlecht“ und „Ich lese nur noch Internet“ bis zu „Ist heute nicht auch Welttag des Bieres? Dann können Sie mir ja ein Bier schenken.“

          In England steigerte sich der Buchverkauf um 180 Prozent

          Immerhin: Drei von den dreißig Menschen, an die ich meine Gabe schließlich loswerde, haben den Namen Mascha Kaléko schon einmal gehört, was im Schnitt etwa einem germanistischen Seminar entsprechen dürfte. Und es gibt auch solche, die sich sichtlich über das Buchpräsent freuen. Nur ist es eben nicht die Mehrheit - außer im gemütlichen Sachsenhäuser Lesecafé, das Buchhandlung und Schmökerstube in einem ist und in das ich mich nach ersten Rückschlägen rette, um endlich mal ein Erfolgserlebnis zu haben. Möglicherweise ist das kostenlose Verteilen von Büchern gerade durch die Salafisten und ihre Koran-Mission ins Zwielicht geraten.

          Eine Million Bücher sollen an diesem Unesco-Welttag des Buches mit Hilfe der Aktion Lesefreunde verschenkt werden, und dass der 23.April, als Todestag der Dichter Shakespeare und Inca Garcilaso de la Vega im Jahr 1616, diesmal ausgerechnet auf einen Montag fällt, ist schlicht Pech. Die Gratisbuch-Idee stammt aus Großbritannien, wo der umtriebige Canongate-Verleger Jamie Byng im vergangenen März erstmals eine „World Book Night“ ausrief und durch die kostenlose Verteilung von einer Million Büchern die Titel nicht nur ins Gespräch, sondern nachweislich tatsächlich an die Leser brachte: Der Buchverkauf steigerte sich in den Wochen nach der Aktion um 180 Prozent (F.A.Z. vom 21.März 2011).

          Bei Bewerbung drei Wunschtitel

          Nun hat man also bei uns - und übrigens parallel auch in den Vereinigten Staaten - die englische Idee „schamlos kopiert“, wie es Joerg Pfuhl, Vorsitzender der beteiligten Stiftung Lesen, ausgedrückt hat. Das stimmt aber nur halb. Denn in Großbritannien waren nicht nur die fünfundzwanzig literarischen Titel für das Projekt klüger gewählt, sondern auch die Begeisterung war eine andere. Neben den Medien, die schon im Vorfeld so eifrig wie flächendeckend berichteten, schienen auch die Buchschenker mehr in ihrem Element - darunter zahlreiche Schriftsteller und andere Prominente, die in Buchhandlungen und Cafés, in Bussen und Bahnen, aber auch in Krankenhäusern und Gefängnissen als Paten für das Buch warben.

          Eine Dichterin für alle: Mascha Kaléko (1907 bis 1975) gehört zu den Autoren für den Welttag des Buches

          Der Weg der Bestsellergeschenke, von John Le Carré über Seamus Heaney und Gabriel García Márquez bis Toni Morrison, ließ sich außerdem anhand einer Registriernummer im Internet verfolgen, wo jeder Leser seine Eindrücke und Gedanken notieren konnte, bevor er das Buch, wie gewünscht, an den nächsten Interessierten weitergab. Schon die Website, auf der man sich als Buchschenker bewerben musste, wurde von dem Ansturm immer wieder lahmgelegt.

          Während in Großbritannien der große Erfolg die Skepsis des Handels widerlegte, hat die Aktion unter hiesigen Buchhändlern viel Kritik hervorgerufen. Die Frage, warum etwas kostenlos verteilt werden soll, was zu verkaufen sich als immer schwieriger herausstellt, war nur einer der vielen Einwände. Die Liste der Titel - alle Autoren und Übersetzer haben zugunsten der Aktion auf ihr Honorar verzichtet - reicht von Friedrich Anis „Süden und der Luftgitarrist“ und Ecos „Name der Rose“ über Peter Handkes „Wunschloses Unglück“ und „Mondscheintarif“ von Ildikó von Kürthy bis hin zu Wladimir Kaminers „Mein deutsches Dschungelbuch“ und „Die Drachen der Tinkerfarm“ von Tad Williams. Bei der Bewerbung durfte man drei Wunschtitel nennen: Neben Kaléko waren meine Favoriten „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen oder Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“. Ob der Plan, „das Lesevergnügen zu teilen und zu verbreiten“, mit Letzterem wohl leichter gewesen wäre?

          Manche verstehen die Frage nicht, andere machen  einen weiten Bogen

          Nachdem ich zehn Bücher am Schweizer Platz und zehn weitere im Lesecafé vor allem an die Frau (in fortgeschrittenem Alter) gebracht habe, kann mich nichts mehr schrecken. Umzug an die Frankfurter Galluswarte. Lesen gehört hier nicht zum regulären Zeitvertreib, auch wenn die Redaktion dieser Zeitung und das Publikumsfondsgeschäft einer großen deutschen Bank ums Eck beheimatet sind. Aber die Aktion Lesefreunde will schließlich in erster Linie Menschen ansprechen, die nicht regelmäßig lesen und so womöglich nigelnagelneu fürs Buch gewonnen werden können. Viele derjenigen, die ich verheißungsvoll anstrahle, verstehen meine subtile Buchanbahnungsfrage nicht; andere machen gleich einen weiten Bogen um mich.

          Die Frau am Gemüsestand nimmt mir einen Band ab, ob aus Mitleid oder tatsächlich für ihren Sohn daheim, wie sie sagt, bleibt ihr Geheimnis. Immerhin, eine rauchende Frau wirft einen Blick ins Buch und bemerkt: „Das sind Texte für einsame Menschen. Davon gibt es mehr, als man sieht.“ Am glücklichsten ist der Verkäufer in der Bäckerei, der sich als leidenschaftlicher Leser outet und doppelt begeistert ist, als er den Namen einer polnischen Landsmännin auf dem Umschlag liest. Der benachbarte Fahrkartenverkäufer der Deutschen Bahn hingegen, der die Szene mit Interesse verfolgt hat, ist selbst durch eine vorgelesene Kostprobe - „Wie glücklich ist der Pessimist/Wenn etwas schiefgegangen ist!/Und geht es aller Welt auch schlecht,/Ihm bleibt der Trost: Er hatte recht!“ - partout nicht zum Buch zu bewegen. Das letzte Exemplar bekommt ein älteres Ehepaar, das mit dem Fahrkartenautomat ringt und mir nicht entkommt. Auftrag erfüllt.

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