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Ehrgeizige Mars-Erkundungen : Kosmische Perspektive

Liu Tongjie, der Pressesprecher der chinesischen Mars-Mission kurz vor dem Launch der Tianwen-1 im Gespräch. Bild: Reuters

Nicht nur die aktuelle Planetenkonstellation macht die anstehenden Mars-Missionen so attraktiv. In einer fragmentierten Welt tut der Blick in die Ferne, fernab irdischer Probleme, gut.

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          Diesen Trend gibt es schon länger: Denken in nationalen Kategorien ist an vielen Orten der Welt auf dem Vormarsch; Grenzen werden wieder aufgewertet; Angst vor dem Fremden breitet sich aus. Die Covid-19-Pandemie hat diese Entwicklung weiter angefacht. Die Welt wirkt derzeit fragmentiert wie lange nicht. Da kommt es einem fast heilsam vor, dass es Anlass gibt, die Perspektive über nationale und sogar irdische Probleme hinweg auszuweiten und die Gedanken ins All schweifen zu lassen – zu unserem Nachbarplaneten Mars. Zwei Missionen, die „Hope“-Sonde der Vereinigten Arabischen Emirate und die „Tianwen-1“-Mission Chinas, haben sich bereits dorthin auf den Weg gemacht. An diesem Donnerstag soll der „Perseverance“-Rover der amerikanischen Weltraumagentur Nasa folgen.

          Dass sich gleich drei Sonden im Juli auf den Weg zum Mars machen, liegt an der derzeit besonders günstigen Position von Erde und Mars relativ zueinander – eine Position, die nur alle 26 Monate wiederkehrt. An diesem Startfenster vermochte auch die Pandemie nicht zu rütteln, selbst wenn die Einschränkung von Mobilität und Teamarbeit alle drei Raumfahrtagenturen vor Herausforderungen stellte. Eine vierte geplante Mission der europäischen und russischen Weltraumagenturen Esa und Roscosmos, die den Exomars-Rover „Rosalind Franklin“ zum Mars hatten senden wollen, musste allerdings angesichts notwendiger, aber nicht rechtzeitig durchführbarer Tests verschoben werden.

          Zum ersten Mal Mars-Gestein auf der Erde

          Das Ziel der drei Missionen ist es, ein besseres Verständnis von unserem Nachbarplaneten, der auf ihm herrschenden Bedingungen und seiner Geschichte zu erlangen. Überdies geht es um die Frage, ob auf ihm einst Leben entstanden sein könnte, als das Klima dort noch die Existenz flüssigen Wassers auf seiner Oberfläche erlaubte.

          Die aktuelle Nasa-Mission ist dabei der erste Schritt in einer atemraubenden Unternehmung, die zusammen mit der europäischen Weltraumagentur Esa bis zum Beginn der dreißiger Jahre realisiert werden soll: der erste Transport von Mars-Gestein zur Erde, wo viel umfangreichere Analysen möglich sind als auf der Mars-Oberfläche selbst. Der „Perseverance“-Rover wird dafür Gesteinsproben vorbereiten, die schließlich von einem zweiten, voraussichtlich 2026 zu startenden Rover der Esa eingesammelt und in einem Container verwahrt werden. Von einem „Lander“ aus sollen die Proben dann zunächst in den Orbit gebracht und schließlich von einer Sonde zur Erde transportiert werden.

          Als erster Raketenstart von einem fremden Planeten wäre dies ein historisches Unternehmen. Und noch eine weitere Premiere bringt die Nasa-Mission auf den Weg: Der Mars-Helikopter „Ingenuity“ soll erstmalig der motorisch angetriebenen Flugerkundung eines fremden Himmelskörpers den Weg bereiten.

          Glückwünsche trotz Rivalitäten

          Es ist bemerkenswert, wie wenig diese technologischen Meilensteine, anders als während des Kalten Krieges, von nationalen Wettbewerbsgedanken beherrscht zu sein scheinen und wie sehr sie stattdessen der nationenübergreifenden Logik wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns folgen. Zwar ist die „Hope“-Mission, deren Ankunft in der Mars-Umlaufbahn im kommenden Jahr das fünfzigjährige Bestehen der Vereinigten Arabischen Emirate feiern soll, nicht zuletzt Symbol arabischen Nationalstolzes. Gleichzeitig beruht die Sonde der jungen Raumfahrtnation, deren eigenes Knowhow sich noch im Aufbau befindet, auf enger und vielfältiger Kooperation mit Wissenschaftlern und Ingenieuren auf der ganzen Welt. Die erwarteten Forschungsdaten werden der internationalen Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stehen.

          Ähnliches wird für die Daten der Nasa-Mission gelten: Die umfangreichen Untersuchungen, die der „Perseverance“-Rover im Jezero-Krater, einem ehemaligen Kratersee, anstellen wird, werden vielen Disziplinen auf der ganzen Welt neue Impulse geben können. Selbst aus China war anlässlich des Starts von „Tianwen-1“ zu hören, dass die Forschungsergebnisse ihrer ambitionierten Dreifachmission aus Orbiter, Lander und Rover mit Wissenschaftlern weltweit geteilt werden sollen. Allen sonstigen Rivalitäten zum Trotz ließ es sich der Nasa-Administrator Jim Bridenstine nicht nehmen, China als künftigen Neuling im Kreis der Marsnationen anzukündigen und „Tianwen-1“ eine gute Reise zu wünschen.

          Die besondere Wirkung des Blicks aus dem All auf die Erde, der nationale Grenzen und Konflikte verschwinden lässt, wurde schon von vielen Raumfahrern beschrieben. Die scheinbare Verletzlichkeit der Erde und die Abhängigkeit der Menschen voneinander als Bewohner dieses kleinen Planeten wurden im Nachklang der Apollo-Missionen vielfach als Motivation zu einer Haltung verstanden, sich globalen Herausforderungen sozial verantwortungsbewusst und transnational zu stellen. Der Zeitpunkt der Starts der aktuellen Mars-Missionen, die als Impulse für eine solche kosmische Perspektive verstanden werden können, ist insofern nicht schlecht.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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