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Weltmachtsorgen : Von Roms Provinzen für die Kolonien lernen

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Eva Marlene Hausteiner zeigt, wie das britische Empire sich bei alter römischer Größe bediente, um seine wackelnde Vorherrschaft zu rechtfertigen.

          Als Königin Viktoria 1897 ihr sechzigjähriges Thronjubiläum feierte, herrschte sie über ein riesiges Weltreich. Doch Großbritannien war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allein auf der weltpolitischen Bühne. Konkurrenten machten ihm die Rolle als Primus inter Pares streitig. Japan, Russland, Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Staaten – sie alle verlangten ihren Teil von der Welt, die Großbritannien im neunzehnten Jahrhundert so selbstverständlich für sich reklamiert hatte. Abstiegsängste kursierten, und englische Kommentatoren malten Untergangsszenarien an die Wand, um das Land wach zu rütteln und Reformen einzufordern. Die meisten Mitglieder der imperialen Elite gingen aber einen anderen Weg, wie Eva Hausteiner in ihrem klugen Buch zu britischen Bestimmungen der Imperialität zwischen 1870 und 1914 zeigt.

          Sie suchten nach einer Argumentation, um die Größe und die Einmaligkeit des britischen Empires zu betonen, vor der die Konkurrenten auch im zwanzigsten Jahrhundert erblassen müssten. Was lag da näher, als den Inbegriff imperialer Größe als Referenzpunkt zu wählen – das antike Rom. Der Glaube an eine immer weiter fortschreitende Entwicklung der Geschichte verhinderte zwar eine allzu direkte Übertragung auf das neunzehnte Jahrhundert. Allgemeinere Schlussfolgerungen glaubte man aus Aufstieg, Herrschaft und Fall des Römischen Reiches aber doch ziehen zu können. Das Konstrukt blieb reichlich schwammig und bediente sich einer höchst selektiven Wahrnehmung der römischen Geschichte. Ein wissenschaftlich belastbarer Vergleich war freilich gar nicht Sinn des Unterfangens.

          Betonung der eigenen „greatness“

          Der wäre für Großbritannien nämlich auch wenig vorteilhaft ausgefallen. Vielmehr ging es einerseits darum, sich gezielt einzelne Puzzleteile herauszusuchen und daraus die Selbstvergewisserung abzuleiten, dass das britische Empire mit dem römischen auf einer Stufe stehe, ja „greater than Rome“ sei. Jenseits der Betonung der eigenen „greatness“ wurden Politiker und Journalisten aber auch konkreter. Der Verweis auf die Ineffizienz des römischen Kaiserreiches diente etwa dazu, Handlungsanweisungen zur Effizienzsteigerung des eigenen Imperiums zu gewinnen. Sodann ging es darum, das eigene Tun zu legitimieren. Die Politik in den römischen Provinzen wurde zur Rechtfertigung eines immer stärker auf Gewalt basierenden Herrschaftsmodells Londons ins Feld geführt, das seit der brutalen Niederschlagung des indischen Aufstandes 1857 immer mehr an Bedeutung gewann und in den blutigen Kolonialkriegen der Jahrhundertwende kulminierte.

          Schließlich waren die Rom-Vergleiche auch in einem abstrakteren Sinne der Verortung der britischen Weltreichspolitik nützlich. Stabilität und Langlebigkeit des Empires wurden mit Analogien des kaiserzeitlichen römischen Reiches untermauert. Dass man sich nicht mit den aktuellen Konkurrenten verglich und auch nicht zu den eigentlich viel plausibleren Analogien mit den Weltreichen des sechzehnten oder siebzehnten Jahrhunderts griff, hatte seinen Grund. Ein Vergleich mit den Kolonialreichen Spaniens, Portugals oder der Niederlande wäre nur Wasser auf die Mühlen der Kritiker gewesen, die den Zenit britischer Herrschaft überschritten sahen. Und die Vereinigten Staaten oder Deutschland schickten sich um 1900 an, Großbritannien vom Platz der Weltwirtschaftsnationen zu verdrängen, jener Position also, auf der die britische Machtposition zu einem Gutteil ruhte.

          Eine Morphologie der Imperiumslegitimation

          Welche Wirkung die Rom-Vergleiche auf ihre Leser hatten, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Unübersehbar ist freilich, dass die britischen Eliten trotz der Betonung der eigenen „greatness“ immer nervöser in die Zukunft blickten und die Furcht vor Deutschland und Russland in dem Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zuweilen panikartige Züge annahm. Gerade bei der jüngeren, dem sozialdarwinistischen Weltbild zuneigenden Generation wird der Verweis auf Rom kaum mehr gefruchtet haben.

          Eva Hausteiner legt mit ihrer Studie nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Ideengeschichte des britischen Empires vor, sie hat letztlich eine Morphologie der Imperiumslegitimation geschrieben und damit das Fundament für einen weiterführenden internationalen Vergleich gelegt. Spannend wäre es etwa, die gleichzeitigen Debatten in den Vereinigten Staaten oder dem Deutschen Reich nach entsprechenden Rom-Bezügen abzuklopfen. Ob man Hausteiners Systematik aber auch auf heutige Diskurse übertragen kann – so wie sie es zum Schluss ihres Buches andeutet –, erscheint fraglich. Gewiss, Geschichte dient nach wie vor auch zur Legitimation von aktueller Politik. Spürt man aber heutigen imperialen Diskursen etwa in den Vereinigten Staaten nach, so werden dort doch ganz andere Stücke aus dem Wühltisch der Geschichte herausgegriffen als um 1900 in Großbritannien.

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