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Weltkulturerbe Ruhrgebiet : Vermasselte Chance

Transformation in Backsteingotik: Westfälisches Industriemuseum, Zeche Zollern. Bild: Picture-Alliance

Hinter der Unwilligkeit, das Ruhrgebiet für das Weltkulturerbe der UNESCO vorzuschlagen, steht ein flaches Fortschrittsdenken.

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          Das ist kein Versuch einer Liebeserklärung, den die Düsseldorfer Landesregierung hier unternimmt. Das ist der schnoddrige Bescheid aus einer Zukunft, die zu ihrem Gewordensein kein Verhältnis herstellen möchte, jedenfalls kein solches, das in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO mündet. Dass konstante Objektbeziehungen dem geschichtlichen Wandel nicht widersprechen, sondern vor flachen Fortschrittsideen bewahren, ist dieser herbeipolitisierten Zukunft unbekannt.

          Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat soeben dargelegt, wie das Verhältnis zum eigenen Gewordensein als Reifekriterium sich auch auf ganze Regionen beziehen lässt. In seinem Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“ zeigt Eilenberger den Weltbezug eines regionalen Transformationsgeschehens an der Ruhr, das ohne Erbepflege in der Luft hängen würde: „Denn in vieler Hinsicht ist das Ruhrgebiet ein Beispiel für die Notwendigkeit einer Transformation, welche die westliche Moderne des fossilen Kapitalismus in den kommenden Jahrzehnten zu bewältigen haben wird. Die Fragen des Ruhrgebiets sind somit als unser aller Fragen, ja als die planetarischen Zukunftsfragen schlechthin zu erkennen.“ Seit einem halben Jahrhundert stehe dieses Revier für die übermenschliche Aufgabe, einer ganzen Region, gar einer ganzen Zivilisation „eine neue Lebensauffassung“ zu geben. Ist das etwa nicht weltkulturfähig?

          Diese Behauptung macht sprachlos

          Frank Baranowski, Sprecher der Ruhr-SPD, hält es denn auch für einen „an den Haaren herbeigezogen“ Entscheid, mit dem die nordrhein-westfälische Landesregierung die Bewerbung des Ruhrgebietes um den Status des Weltkulturerbes nun abstürzen ließ. Die Bewerbung wird per Düsseldorfer Dekret nicht an die Kultusministerkonferenz weitergeleitet. Damit ist jener Verfahrensschritt blockiert, ohne den hierzulande keine Nominierung zur Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO möglich ist. Tatsächlich ist die Begründung der Landesregierung („fragmentarische politische Unterstützung“) jedenfalls nicht weniger angreifbar als der offenbar recht fragmentarisch formulierte Antrag zum Weltkulturerbe Ruhrgebiet selbst. Baranowski spricht von 86 Prozent Zustimmung bei den einschlägigen kommunalen Gremien für das jetzt zurückgewiesene Projekt, weswegen ihn die Behauptung einer bloß „fragmentarischen politischen Unterstützung“ sprachlos mache. Jenseits von Unprofessionalitäten aller am Verfahren Beteiligter, die unausgereifte UNESCO-Bürokratie eingeschlossen, verblüfft die Nicht-Idee von gelingender Transformation, mit der hier ein Welterbe auf dem Antragsweg entsorgt wird.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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