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Weltkulturerbe : Kölner Dom bleibt auf der Roten Liste der Unesco

Kölns Dom bleibt auf der Roten Liste Bild: dpa/dpaweb

Der Status des Kölner Doms als Weltkulturerbe bleibt gefährdet. Die Unesco hat das Bauwerk zwar nicht, wie befürchtet, wegen umstrittener Hochhauspläne der Stadt verbannt, beläßt es aber auf der Roten Liste.

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          Wird der Kölner Dom auf die Liste des Weltkulturerbes, in die er 1996 aufgenommen wurde, zurückbefördert oder ganz von ihr gestrichen? Das war die Entscheidung, die das Welterbe-Komitee der Unesco, das in dieser Woche im südafrikanischen Durban konferiert, hätte treffen sollen.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch dazu kam es nicht: Nach einer, so wird berichtet, heftig geführten Grundsatzdebatte wurde das Thema vertagt, und so steht die Kathedrale für ein weiteres Jahr auf der Roten Liste „Welterbe in Gefahr“, auf die sie im Sommer 2004 wegen der Hochhausplanungen auf der rechten Rheinseite gesetzt worden war. Der schmähliche Verlust des Titels und der damit verbundene Prestigeverlust bleibt damit ebenso möglich wie eine ehrenvolle Rehabilitation.

          Mehr als Zeit ist nicht gewonnen

          Mehr als Zeit ist mit dem Beschluß von Durban nicht gewonnen. Die aber arbeitet nicht unbedingt im Sinne der Schadensbegrenzung oder gar einer anspruchsvollen, konstruktiven Lösung. Vielmehr kommt der Umstand, daß die Frist verlängert wurde, der rheinischen Mentalität des „Et hätt noch immer jot jejange“ in fataler Weise entgegen.

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          Weltkulturerbe : Kölner Dom bleibt auf der Roten Liste der Unesco

          Die Kölner werden, so steht zu befürchten, die Verschiebung als Entwarnung feiern und sich in ihrem laxen, dickfelligen Umgang mit dem Problem bestätigt fühlen, für das, ganz im Gegenteil, Alarmstufe zwei ausgerufen ist: Die weiter drohende Aberkennung des Status, die überhaupt zum erstenmal seit Bestehen der Welterbekonvention 1972 verfügt und ein prominentes Wahrzeichen im „Mutterland“ des Denkmalschutzes treffen würde, ist schon blamabel genug.

          Die „nationale Schande“, die Dompropst Norbert Feldhoff und Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner auf Deutschland zukommen sehen, wird in Düsseldorf und Berlin sehr viel ernster genommen als in Köln selbst. So hat Oberbürgermeister Fritz Schramma vor drei Wochen einen mahnenden Brief aus dem Auswärtigen Amt, „alle erforderlichen Maßnahmen“ zu ergreifen und „außenpolitischen Schaden“ abzuwenden, mit der ironischen (und schlicht ignoranten) Bemerkung quittiert, das Thema sei natürlich „originäres Aufgabengebiet“ des Außenministeriums.

          „Visuelle Integrität“

          Die Haltung der Kölner Stadtspitze, das von der Unesco eingeleitete Verfahren zu unterschätzen und die mit der Anerkennung eingegangenen Verpflichtungen zu vernachlässigen, läßt die Kommune darüber hinaus Gefahr laufen, sich den Welterbestatus des Doms buchstäblich zu verbauen. Denn es ist ihr durchaus zuzutrauen, neue Tatsachen zu schaffen, welche die Maßstäbe der Unesco, die auf der „visuellen Integrität“ der Kathedrale und dem Schutz der historischen Stadt-Silhouette besteht, zusätzlich verletzen und den eigenen Handlungsspielraum einengen.

          Wie begründet diese Befürchtung ist, zeigt sich an mindestens zwei Präzedenzfällen: einmal daran, daß die Stadt, ohne daß sie sich vorher mit der Unesco abgestimmt hätte oder auch nur eine Baugenehmigung vorlag, für den sehr viel niedriger geplanten LVR-Turm Fundamente zugelassen hat, auf denen (wie nun im Rohbau realisiert) 103 Meter hoch gebaut werden konnte; zum anderen daran, daß sie, trotz des laufenden Unesco-Verfahrens, das Grundstück für den sogenannten Jahn-Turm an einen Investor verkauft und diesem verbindliche Zusagen gegeben hat.

          So nimmt sie kostspielige Regreßansprüche in Kauf und schränkt ihre Kompromißfähigkeit ein. Genau dieses 110 Meter hoch projektierte Gebäude - und nicht erst die beiden nördlich der Bahntrasse geplanten Türme, zu denen die Stadt einen neuen Wettbewerb angeboten hat - aber könnte für die Unesco das Kriterium sein, an dem sich der Welterbe-Status entscheidet.

          Symbol der nationalen Einheit

          Wie selbstbezogen und halbherzig auf ihre vermeintlichen Entwicklungschancen ausgerichtet die Stadt Köln sich verhält, dazu gibt der dringliche Appell von Dompropst und Dombaumeisterin über den akuten Anlaß hinausweisende Aufschlüsse. Denn so vehement und historisch begründet sich der „Sprecher“ und die „Betreuerin“ des Doms schützend vor ein Bauwerk stellen, das als Symbol der nationalen Einheit im neunzehnten Jahrhundert wie als Hoffnungszeichen nach dem Zweiten Weltkrieg - offiziell anerkannt oder nicht - Weltkulturerbe ist, so nachdrücklich sie seine Bedeutung als geistig-religiöses Zentrum, als emotionalen Bezugspunkt und kulturellen Mittelpunkt unterstreichen, so selbstbewußt sie auf seinen baulichen Zustand - „vorbildlich in der Denkmalpflege, nicht kommerzialisiert und besucherfreundlich“ - abheben und so frustriert sie eingestehen, daß die Kathedrale dessenungeachtet Angriffen und Beeinträchtigungen aus ihrem Umfeld ausgesetzt ist, so zwingend ist ihr Aufruf, ohne daß dies direkt angesprochen würde, als ein Dokument für das gestörte und nicht erst durch die „Domplatte“ belastete Verhältnis von Stadtverwaltung und Metropolitankapitel zu lesen. Denn die Kölner, so läßt sich der Appell resümieren, lieben den Dom, aber sie achten ihn nicht. Aus diesem Mißverhältnis läßt sich erklären, daß der Dompropst und die Dombaumeisterin etwas fordern, das eigentlich selbstverständlich sein müßte: „den Dom wieder in den Mittelpunkt zu stellen“.

          Ein Jahr ist keine lange Zeit. Um sie produktiv zu nutzen und einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden, muß sich die Stadt Köln sofort von der Illusion verabschieden, das Problem aussitzen oder weiterwursteln zu können, und sämtliche bisherigen Entwürfe in Frage stellen. Erfolgversprechend erscheint da ein städtebauliches Werkstatt-Verfahren, am besten unter unabhängiger Moderation, in das alle Akteure - Stadtplanungsamt, Messe, Metropolitankapitel, Investoren, Denkmalpflege, Kulturbeirat und nach Möglichkeit auch die Unesco - eingebunden werden. Denn es geht um mehr als „nur“ um Köln: um den Dom.

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