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Russland : Babykrieger in Uniform

  • -Aktualisiert am

Historische Uniformen selbst für die Kleinsten: Mutter und Kind bei der Parade in Moskau an diesem Montag Bild: Reuters

Zum Weltkriegsjubiläum rüstet die russische Gesellschaft auf. Kinder werden per Videoclip aufgeklärt, wie süß und ehrenvoll es ist, fürs Vaterland zu sterben.

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          Der Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, den Russland an diesem Montag mit Pomp und Paraden feiert, wird als eine der letzten einheitsstiftenden Ressourcen ausgesogen bis zum ultimativen Blutstropfen. Der Popmusiker Andrej Makarewitsch meldet bestürzt, im Supermarkt seines Wohnorts trügen in diesen Tagen sämtliche Verkäuferinnen Pilotenmützen wie aus dem Zweiten Weltkrieg. Er habe die Frauen sarkastisch gefragt, warum sie nicht gleich Helme und Waffen trügen, berichtet Makarewitsch. Woraufhin die Angestellten beschämt die Augen niedergeschlagen und erklärt hätten, ihnen sei diese Kostümierung befohlen worden. Da 71 Jahre nach Kriegsende kaum noch Veteranen am Leben sind, die von ihren Heldentaten berichten könnten, produzieren die Behörden gezielt für Jugendliche moderne, altersgerechte patriotische Unterhaltung.

          Die selbst höchst jungdynamische Staatsanwältin der Krim, Natalja Polonskaja, trat zum Fest mit dem Video-Song „Ewiges Feuer“ hervor, worin sie mit Studenten der annektierten Halbinsel sowie einem örtlichen Kinderensemble namens „Die kleinen Staatsanwälte“ die Helden früherer Zeiten besingt, deren grimmige Tapferkeit in den Herzen der Heutigen fortlebe, auch wenn sie selbst zu Erde und Gras geworden seien. Der Clip, der nach dem Willen Polonskajas dazu beitragen soll, die Erinnerung an den Sieg über die Faschisten wachzuhalten, wurde vor dem Ehrenmal an einem früheren deutschen Konzentrationslager bei Simferopol aufgenommen.

          Ruhmvoller Tod fürs Vaterland

          Die Jugend wird indes auch selbst aktiv. In der Wolgastadt Samara drehte eine Gruppe angehender Filmemacher ein Video, worin einer heutigen Kinderschar der Geist eines zehnjährigen Jungen begegnet, welcher eine alte Kriegsuniform trägt und erzählt, wie er, nachdem die Deutschen seine Mutter erschossen hatten, in einer Rüstungsfabrik Geschosse goss, bevor er sich einer Partisaneneinheit anschloss und bei einem Einsatz umkam. Als die Kinder ihn fragen, ob es nicht schlimm sei, zu sterben, antwortet er, das sei nicht wichtig, die Hauptsache sei, dass „wir“ gewonnen hätten. Der äußerst professionell gemachte Clip löste eine Flut von Internetkommentaren aus, viele Netznutzer zeigten sich empört über die implizite Botschaft, Kinder sollten für ihr Vaterland sterben.

          Gleichwohl besteht eine lebhafte Nachfrage nach Weltkriegssiegeskostümierung für die Kleinen. Kinder-Khaki-Uniformen mitsamt Garnisonsmütze, Rotem Stern und Sankt Georgs-Ordensband sind im Internet-Handel der Hit. Die kleinste Größe des Gesamtoutfits für Einjährige ist für 24 Euro zu haben. Von Eltern hört man, ihre Sprösslinge seien vom Posieren als Soldaten begeistert. Die Kostümhersteller warnen freilich, man dürfe Kleinkinder in Uniform keinesfalls unbeaufsichtigt lassen. Die Roten Sterne seien nämlich aus echtem Metall, an dem sich die Babykrieger leicht verletzen könnten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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