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Weltkrieg als Schauspiel : Der Bildungsminister hat Eselsohren

  • -Aktualisiert am

Bild: Nobby Clark

Tanz, solange du noch kannst: Das Royal Theatre Stratford zeigt die Kriegstheaterrevue „Oh What a Lovely War“ - und ihre mächtige Wirkung.

          3 Min.

          Der Zweite Weltkrieg lag nicht weit zurück, es lebten noch viele, die sich an den Großen Krieg erinnerten, als die revueartige Parodie „Oh What a Lovely War“ sich 1963 daranmachte, den bequemen Konsens zu stören. Die agitatorische Theatermacherin Joan Littlewood wollte die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Sicht des kleinen Mannes zeigen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Sie benutzte das Format einer Pierrot-Aufführung, wie sie zwischen der spätviktorianischen Ära und dem Zweiten Weltkrieg in den Showtheatern englischer Seebäder beliebt waren. Der Erste Weltkrieg wird als karnevaleskes Spiel dargeboten mit einem Ensemble von Harlekinfiguren, die in karikaturhafte Rollen von Soldaten, Feldherren und deren patriotischen Frauen an der Heimatfront schlüpfen.

          Den Krieg enttanzen

          Den Anstoß für die Schau hatte eine Hörfunksendung des BBC-Redakteurs Charles Chilton gegeben, dessen Vater 1918 mit neunzehn Jahren bei Arras gefallen war. Als der Sohn vierzig Jahre später das Grab suchte, fand er eine Gedenktafel, die den Namen seines Vaters neben denen von fast 36.000 anderen Militärs verzeichnete. Die Frage, warum so viele Männer nicht bestattet wurden, bewog Chilton zu einer Dokumentation über weniger bekannte Aspekte des Alltags in den Schützengräben, die populäre Lieder aus dem Ersten Weltkrieg mit Zeitzeugenaussagen verwob. Er wollte vergegenwärtigen, was der ihm unbekannte Vater erlebt hatte.

          Aus dieser Vorlage schuf Joan Littlewood mit ihrem sozial engagierten Theatre Workshop im Londoner East End das Stück, das, Brechtsche Stilmittel mit der in der Arbeiterkultur verankerten Music-Hall-Tradition verschmelzend, den reichen Fundus an Schlagern und Soldatenliedern aus der Zeit einem satirischen Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Ersten Weltkrieges gegenüberstellte.

          Der schockierende Effekt lag in dem Nebeneinander der heiteren Musical-Nummern mit den verheerenden Tatsachen des Krieges. Während gesungen und getanzt wurde, erschienen auf einer Großleinwand Archivbilder, die die Misere der Schützengräben zeigten. Eine Nachrichtentafel verzeichnete Statistiken wie: „9. Mai. Höhenrücken von Aubers. Britischer Verlust 11.619 Männer in 15 Stunden. Bodengewinn null.“

          Von Löwen und Eseln

          „Oh What a Lovely War“ knüpft an Neubewertungen des epochalen Ereignisses an, die in der Aufbruchsstimmung der sechziger Jahre insbesondere die Rolle der Offiziersklasse in Frage stellten. Dazu zählte das 1961 erschienene Buch „The Donkeys“ des Querdenkers Alan Clark, das ein vernichtendes Bild der britischen Generäle zeichnete. Der Titel entstammt einem vermeintlichen Austausch zwischen General Ludendorff und seinem engsten Mitarbeiter Hoffmann, wonach die britischen Soldaten von Eseln geführte Löwen seien. Jahrzehnte später gestand Clark, das Gespräch erfunden zu haben, was den unverfrorenen Autor und Politiker freilich nicht daran hinderte, bei Joan Littlewood Tantiemen einzuklagen für das aus seinem Buch verwendete Material.

          Dennoch hat sich die in dem Schlagwort von den Löwen und Eseln auf den Punkt gebrachte Vorstellung, tapfere britische Soldaten seien von unfähigen Generälen sinnlos geopfert worden, eingeprägt. Das ist, wie Bildungsminister Michael Gove unlängst klagte, als er die unpatriotische Darstellung des Ersten Weltkrieges durch „linke Akademiker“ tadelte, weitgehend auf den Erfolg von „Oh What a Lovely War“ zurückzuführen.

          Der Historiker A.J.P. Taylor war von dem Stück derart beeindruckt, dass er Joan Littlewood nicht nur sein Buch über den Ersten Weltkrieg widmete; im Mai 1963, acht Wochen nach der Uraufführung, widmete Taylor „Oh What a Lovely War“ auch seine Abschiedsvorlesung in Oxford. Die Schau leiste, was Historiker versäumt hätten, dozierte Taylor mit Lust an der Provokation. „In der Tat habe ich mich nach dem Besuch der Vorstellung gefragt, wie viel Schuld Historiker daran tragen, dass man ins Londoner East End gehen muss, um eine lebendige Interpretation des schwierigen Themas zu finden.“

          Mit bleibender Wirkung

          Jetzt hat das Theatre Royal in Stratford mehrere Jahrestage - fünfzig (und etwas) Jahre seit der Uraufführung, hundertster Geburtstag von Joan Littlewood und das Gedenken an den Kriegsausbruch - zum Anlass genommen für eine Wiederaufnahme. Terry Johnsons spritzige Aufführung hält sich nicht sklavisch an die ursprüngliche Inszenierung, bleibt ihr jedoch in der Mischung aus dem scheinbar Amateurhaften und Improvisierten treu.

          Michael Goves Vorstoß hat die beinahe nostalgische theatergeschichtliche Rückschau aktualisiert. Gove bekommt auch sein Fett ab bei einer Diavorführung, wo Shaun Prendergasts grandioser Conférencier, der seine Pierrotmütze gegen einen Talar eingetauscht hat, statt eines Esels ein Bild des Bildungsministers zeigt.

          Bemerkenswert ist jedoch, dass die Schau auch heute, wo man sie mit anderen Augen sieht als vor fünfzig Jahren, trotz der plumpen klassenkämpferischen Didaktik ihre eindringliche Wirkung nicht verfehlt. Erschütternd, wie französische Soldaten wie blökende Schafe in den Tod gehen und dann ganz leise das lange als unpatriotisch verbotene „Chanson de Craonne“ singen.

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