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Weltjugendtag in Köln : Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut

  • -Aktualisiert am

Ein bißchen Nippes gehört dazu Bild: AP

Wie man den Muslimen zeigt, was eine Kerze ist: Der Weltjugendtag wird kein Katholikentag werden. Vom altbackenen Musikprogramm läßt sich keiner die Vorfreude verderben.

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          Im "Kernteamforum" des Weltjugendtags ist eine Diskussion über die eingeladenen Stars entbrannt. "Cliff Richard, Klaus Lage, Giora Feidman", geht ein Redakteur des "Domradios" dort die Reihe der erwartbaren Erbauungsmusikanten durch, um sich zu unterbrechen: "Moment mal? War da nicht die Rede von einem Jugendfestival?" Ein Koordinator aus Lindlar kommentiert ohne Gnade den Auftritt der "Kelly Family" vor der Vigil mit dem Papst: "Sorry, aber heutzutage kann man doch keine Jugendlichen mit der Kelly Family locken. Ich würde da eher weglaufen und überlege wirklich, ob ich nicht später zum Marienfeld fahren soll, nur damit ich die nicht hören muß." Eine gewisse Enttäuschung über das popkulturelle Rahmenprogramm ist unübersehbar: "Der WJT sollte doch das katholische ,Rock am Ring' werden!"

          Aber obwohl konsensfähigere Bands wie "U2" oder die "Söhne Mannheims" vermißt werden, läßt sich vom leicht altbackenen Musikprogramm niemand die Vorfreude auf den Weltjugendtag verderben: "Das Programm ist genial. Warum ist es genial? Weil wir - die Jugendlichen - das eigentliche Programm sind." Und die katholischen Jugendlichen passen offenbar nicht mehr hundertprozentig ins Muster der vom Weltjugendtagsbüro protegierten Sakropopkultur. Auch der bedenkliche Klangkitsch des Mottolieds "Venimus adorare eum" wird ohne geschmackliche Rücksichten als "langweilig" kritisiert und von fast jedem zweiten User den Kategorien "Geht so" oder gar "Übelste Sorte" zugerechnet. Ein vierundzwanzigjähriger Bürokaufmann aus Ratingen-Ost gibt sogar dem geistlichen Lied aus dem achtzehnten Jahrhundert den Vorzug: "Da finde ich ,Großer Gott, wir loben Dich' besser!"

          Wie Woodstock und die Loveparade?

          Rund dreitausend Jugendliche aus dem Erzbistum Köln arbeiten in siebenhundert Kernteams, die aus jeweils fünf Köpfen bestehen, an der Vorbereitung des Weltjugendtags mit - und sie legen großen Wert darauf, die Definition ihrer Kultur selbst in die Hand zu nehmen. Kurz vor dem Weltjugendtag treffen sich rund vierzig Kernteamer, die im Internetforum unter Alias-Namen wie "DEGFanGregor" oder "MadDoc" schreiben, in einem Kölner Brauhaus an der Luxemburger Straße. Ein sechsundzwanzigjähriger Polizist, eigens aus Bayern angereist, ruft eine Vergleichsgröße zum Weltjugendtag auf: "Was gibt es außer der Loveparade in dieser Größenordnung?" Und ein zweiunddreißigjähriger "Kernteam-Senior" aus Düsseldorf führt noch die Matrix aller Veranstaltungen dieser Art an: "Der Weltjugendtag wird ja gerne mit Woodstock verglichen. Wenn es am Wochenende regnet, haben wir den gleichen Matsch auch auf dem Marienfeld."

          Der Papst grüßt aus der Ferne
          Der Papst grüßt aus der Ferne : Bild: dpa/dpaweb

          Nicht nur der siebzehnjährige Schüler aus Lindlar, der auf seiner Profilseite Basketball und Journalismus als Hobbys angibt, glaubt, daß sich die kirchliche Jugendkultur gewandelt hat - und daß der Weltjugendtag ein Motor dieser Veränderung war. Früher sei das Milieu junger Katholiken als seltsames Paralleluniversum beäugt worden: "Was sind das für Freaks, die in Jesuslatschen herumlaufen und den ganzen Tag zu Hause sitzen?" Dieses Klischee aber verliere seit den neunziger Jahren an Boden. Als einschneidendes Erlebnis werden immer wieder die Sprechchöre auf dem letzten Weltjugendtag in Toronto zitiert, wo die Menge plötzlich skandierte: "John Paul Two / We Love You!" - woraufhin Johannes Paul II. wie ein echter Popstar aus dem Stegreif gereimt haben soll: "John Paul Two / Loves You Too!"

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